Dienstag, 22. März 2011

Keiner weiß es

In meinem Forschungsprojekt geht es um den Zusammenhang zwischen dem Handeln junger Straßenhändler und den daraus resultierenden Strukturen. Also um die Frage, inwiefern das individuelle Handeln Einzelner in der Summe ein komplexes Ganzes ergibt, das wiederum auf die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen zurückwirkt. Die Krux hierbei ist, dass die „informelle Wirtschaft“ Daressalams, in der mein Projekt angesiedelt ist, ein prekäres, fluides und provisorisches Milieu ist: Keiner meiner Freunde auf der Straße will in dieser Lebenslage bleiben. Dennoch schaffen die jungen Männer, wenn sie notgedrungen und selbstorganisiert ihren kleinen Geschäften auf der Straße nachgehen, eine soziale Ordnung, in die Neuankömmlinge hineinwachsen, in die sie sozialisiert werden und in der sie ihren Platz finden müssen.

Nun ist es keine kleine Aufgabe, ein solche theoretische Frage empirisch zu verfolgen. Die Vorstellung von einem Mosaik, das ich begonnen habe, trifft die Situation wohl ganz gut. Kleinste Informationsteilchen wollen eingesammelt, auf Form und Beschaffenheit geprüft und zu einem ästhetischen Ganzen gefügt werden. Wie fängt man das an?

Als ich heute Nachmittag mit S. am Maskani saß, lief ein mir unbekannter Straßenhändler an uns vorbei, der drei oder vier Paar gebrauchte Baby- und Kinderschuhe in den Händen hielt. In dem Moment wurde mir bewusst, dass an „meinem“ Maskani nur Frauenschuhe verkauft werden. Ich wandte mich an S. und fragte, wieso er und seine Kumpels sich eigentlich ausgerechnet auf diese Waren spezialisiert haben. Er sah mich an und sagte, er wüsste es nicht. Einer von ihnen habe wohl mal damit angefangen, jetzt würden die anderen der Bequemlichkeit wegen einfach diesem Beispiel folgen. Es sei wohl einfacher das zu verkaufen, was die Kumpels auch verkaufen, meinte er. Wer die Idee mit den Frauenschuhe hatte, war aber unbekannt.

Die Frage beschäftigte mich den ganzen Tag, und wird es wohl noch länger tun. Habe ich hier nicht ein strukturierendes Moment gefunden? Es ist also nicht unbedingt eine individuelle Entscheidung, für welches Marktsegment sich junge Verkäufer entscheiden. Es ist vom sozialen Umfeld abhängig. Oder erwächst das soziale Umfeld daraus, dass sich Verkäufer zusammentun, die die gleichen Waren anbieten?

S. wusste es nicht, und ich wusste es auch nicht. Und so saßen wir da, guckten auf die Schuhe, und warteten wie immer darauf, dass irgendetwas passiert.

Samstag, 19. März 2011

Rhythmen, Routinen und Rotationen

Den Rhythmus einer fremden Lebensweise mit meinem eigenen Rhythmus einzutakten ist wohl der erste Schritt auf dem Weg zum Verstehen. Fremde Routinen zu übernehmen beinhaltet die eigenen Routinen abzustreifen. Da merkt man erst mal, wie widerstandsfähig die eigenen Gewohnheiten sind. Ich muss lernen, dass beispielsweise die Mittagszeit keine Zeit ist, zu der man isst. Das hat einen völlig banalen Grund: Wer nichts verkauft hat, isst nicht. Nun stehe ich als Feldforscher vor dem nicht unbedeutenden Problem, mich entweder unter einem Vorwand davon zu schleichen, und heimlich etwas zu essen, oder gemeinsam mit den Jungs am Maskani den Gürtel enger zu schnallen. Die Antwort auf dieses Problem ist klar, wenn ich die Sache hier ernst meine.

Das erste verdiente Geld am Tag ist das Fahrtgeld. Damit ist schon mal sichergestellt, dass man am Ende des Tages ins Daladala, also einen städtischen Kleinbus steigen kann, und in das heimische Viertel zurückkehren kann. Was zusätzlich verdient wird, wird in Essen umgesetzt. Einige der Jungs am Maskani haben einen preisgünstigen Deal mit den Mamantilie vereinbart, also mit den Frauen, die im Hinterhof des Blocks Reis, Bohnen, Fisch und andere kulinarische Normalitäten zubereiten: Für 500 Tansanische Schillinge (umgerechnet 25 Eurocent), bekommen sie die Reis- und Bohnenreste in einem Plastikeimer serviert. „Gonga dude“ nennen sie das, also in etwa „nen Brocken weghauen“. Ich bin jedes Mal herzlich eingeladen. Was dann noch vom verdienten Geld übrigbleibt, ist das Fahrtgeld für den nächsten Tag, vom Wohnviertel zurück in die Stadt. Dann beginnt der Kreislauf von vorne.

Mein derzeitiger Fokus liegt darauf, die Routinen am Maskani zu durchblicken. Die Waren stehen dabei im Vordergrund. Die Schuhe werden morgens mit Wasser gewaschen, gegebenenfalls geklebt. Das Wasser dafür ist das Kondenswasser der Klimaanlage eines Shops an der Ecke, das im Hinterhof, in dem die Jungs ihre Waren umsorgen, in einer leeren Zehn-Liter-Plastikflasche aufgesammelt wird. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Schuhe dermaßen dreckig sind, dass sie der intensive Pflege tatsächlich bedürften, die ihnen zuteil wird. Doch scheint die Beschäftigung mit den Waren ein wichtiger Bestandteil der Arbeit zu sein. Immerhin ist die Sauberkeit der Schuhe ein Faktor, den die Verkäufer kontrollieren können – wenn sie ansonsten der Gunst der städtischen Polizei und der sehr raren Kundschaft ausgesetzt sind.

Nach der Morgentoilette kommen die Schuhe zunächst auf die Straße, direkt am Maskani. Dort bleiben sie etwa eine Stunde, bis sie nach und nach in die „Rotation“ gehen (Kiswahili: kwenye mizunguko), also durch die Straßen getragen werden. Das mobile Geschäft scheint lukrativer zu sein, als an einer Stelle auf Kunden zu warten. Die Runden der Verkäufer dauern eine bis anderthalb Stunden. Schweißgebadet kommen sie zurück, in der Regel ohne nennenswerten Gewinn gemacht zu haben.

Intuitiv scheinen die Jungs schon zu kapieren was ich will. Jedenfalls haben sie mich heute gefragt, wann ich denn nun mal mitkomme, in die Rotation.

Mittwoch, 16. März 2011

Wenn der Pegel sinkt

mambaStraßenverkäufer, die sich mit ihren Waren auf Touristen eingestellt haben, nennt man in Dar „mamba“, also auf Kiswahili "Krokodil". Die Idee dahinter ist, dass das Krokodil – gemäß dem Narrativ der Straße zumindest – völlig regungslos aber mit weit aufgesperrtem Maul am Wasserloch liegt, und auf die Beute wartet, die der Durst in die Gefahrenzone lockt. Wenn sich ein Opfer nah genug herantraut, schnappt das Krokodilsmaul zu, und es gibt kein Entkommen.

Die mamba Daressalams lauern ihren „Opfern“ in den Straßen auf. Während die übrigen Wamachinga (Kiswahili für Straßenhändler), die Zigaretten, gebrauchte Schuhe und Klamotten, Wasserflaschen u.ä. verkaufen, sich in einem stetigen Cash-Flow der geringen Beträge befinden, hoffen die mamba auf den großen Reibach: Tage- und oft wochenlang verkaufen sie nichts, doch wenn sie jemanden zwischen den Zähnen haben, wird er geschröpft. Die Frequenz des Geschäfts ist also wesentlich niedriger, als bei den anderen Straßenhändlern, die zu erwartenden Gewinne aber, aufgrund der kaufkräftigen Kundschaft, wesentlich höher. Das ist zumindest die Phantasie der mamba, in der Realität funktioniert das natürlich nicht immer. Die Wazungu (Kiswahili umgangssprachlich für Weiße) heutzutage sind nicht mehr Wazungu Kuku, also „Hühnchen“, die sich rupfen lassen, oder Wazungu ´Ngombe, also „Kühe“, denen man nur die Euter zu massieren braucht. Zu vorsichtig und wählerisch sind die weißen Touristen heutzutage, als dass sie einfach überteuerte Preise für Holzfiguren, Armbänder, gemalte Bilder oder Postkarten bezahlen würden. Die Geschäfte laufen schlecht.

Das Wasser wird also langsam knapp am Wasserloch der mamba. Wenn der Pegel zu niedrig sinkt, kommen bald gar keine Opfer mehr zum tränken, so sagt man, und die Krokodile fressen sich gegenseitig.

Dienstag, 15. März 2011

Notizen von der Strassenecke 1

Seit ca. zwei Wochen habe ich mich in „meinem Feld“ installiert. Im wesentlichen besteht mein Tagewerk nun darin, an einer bestimmten Straßenecke in downtown Daressalam abzuhängen, und das zu tun, was meine Gewährsleute tun: rumsitzen, warten, Geschichten erzählen (kiswahili: kupiga stori, wörtlich „auf die Geschichte hauen“), Zigaretten rauchen, wenn die Zigarettenverkäufer vorbeikommen, Kaffee trinken, wenn die Kaffeeverkäufer vorbeikommen, Kunden willkommen heißen, wenn Kunden vorbeikommen...

Es ist für mich noch eine Umstellung, ganze Tage lang herumzuhängen. Manchmal überkommt mich der Impuls aufzustehen, und einfach eine Runde spazieren zu gehen. Zu Beginn hab ich ihm noch nachgegeben, aber mehr und mehr schaffe ich es, auf meinem Hintern sitzen zu bleiben und auch peinliche Situationen auszusitzen, in denen das Gespräch zum Stillstand kommt, oder in denen ich wegen akuter Müdigkeit und aufgrund totaler Überhitzung plötzlich nicht mehr den Gesprächen folgen kann, weil meine Kiswahilikenntnisse plötzlich in einem tiefen schwarzen Loch verschwinden.
Da ich durch vorherige Aufenthalte bereits zwei oder drei Leute an diesem Maskani (kiswahili für „Treffpunkt“ oder einen Ort, an dem sich das soziale Leben einer bestimmten Gruppe abspielt, die dort täglich abhängt) recht gut kenne, fällt es mir leicht, neue Kontakte zu knüpfen. Man weiß bereits, dass ich ein Uni-Mensch bin, der ein Buch über das Leben auf der Straße schreiben will. Meine Anwesenheit trägt zudem zur allgemeinen Belustigung bei, und bietet willkommene Abwechslung. Ich bemühe mich, meine Aufmerksamkeit möglichst gleichmäßig unter den verschiedenen Fraktionen von Verkäufern aufzuteilen. Die Fraktionen lassen sich aufgrund der jeweils von ihnen angebotenen Waren unterscheiden. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass durchaus beobachtet wird, mit wem ich gerade herumsitze und eine Zigarette teile.

Mit einem Klassiker der Stadtforschung gesprochen: „Manchmal überlegte ich, ob diese simple Herumhängen an der Straßenecke ein hinreichend aktiver Vorgang war, um des Begriffs „Forschung“ würdig zu sein. Vielleicht sollte ich diesen Männern Fragen stellen.“ (William Foote Whyte (1996): Street Corner Society, S. 304). Doch soweit bin ich noch nicht wirklich. Die Informationen tröpfeln bislang, ich habe das Gefühl, ein Mosaik zu beginnen aus lauter kleinsten Steinchen. Bevor ich mit biographischen und narrativen Interviews beginne, möchte ich noch mehr informelle Gespräche führen, durch die ich die Leute besser kennen lerne – und vor allem sie mich.

Zeit ist ein wichtiger Faktor, habe ich das Gefühl.

Kahawa-am-Maskani

Kaffee trinken am Maskani, Foto (c) Link Reuben (2010)

Neues von der Strassenecke.

Feldtagebuch von Alexis Malefakis... und was sonst noch so ist.

karibu!

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