Freitag, 3. Januar 2014

Ein selbstgebauter Stempelgrill

Das blaue Licht macht den Unterschied. Aber darauf muss man erst einmal kommen. Zunächst hatte Amani seine zusammengezimmerte Holzkiste mit einer einfachen Neonröhre ausgestattet. Dann hat er noch einmal genauer nachgesehen: UV stand da auf dem Zettel. Ultraviolettes Licht brauchte er. Und dann wusste er auch, wo er es finden kann.

Amani macht Stempel. Mit einer Rasierklinge schnitzt er filigrane Buchstaben, Symbole und Abbildungen spiegelverkehrt und nach Vorlage seiner Auftraggeber in ein Stück Gummi und klebt es auf einen Holzgriff. Angefangen hat er damit bereits als kleiner Junge in einer christlichen Missionsstation im staubigen Hinterland Tansanias. Er wohnte in der Nähe und hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, aus der Mülltonne der Mission Essensreste zu stibitzen. Dazu musste er auf einen Baum klettern und sich über den Zaun in die Tonne fallen lassen. Eines Tages saß er in der Tonne als eine Küchenhilfe heiße Asche in die Tonne warf. So flog Amani auf. Er wurde zu seinen Eltern gebracht, die baten darum, dass Amani doch in der Mission leben könne. Man willigte ein. Da war er neun Jahre alt.

2014-01-02-09-57-05Er lebte dort als Botenjunge, brachte Brot und Milch aus dem Dorf zu den Häusern der Mission. Eines Tages wollte ein Missionsmitarbeiter in die Provinzstadt reisen, um dort Stempel machen zu lassen. Amani sagte großspurig, man solle lieber ihm das Geld geben, er könne das machen, schließlich hat er schon einmal zugesehen, wie ein Stempelmacher den Gummi bearbeitet. Er bat um alte Skalpelle aus der Missions-Krankenstation, man ließ ihn gewähren. Für seinen ersten Stempel hat er damals 400 Tansanische Schillinge bekommen. Davon hat er Schulshorts und Hemden für sich und seinen Bruder gekauft. Amani der Stempelmacher – ein selbstgemachter Mann.

2014-01-02-09-52-46Vor einiger Zeit bat mich Amani einmal eine Recherche für ihn im Internet zu machen. Es gäbe da Maschinen, die würden Stempel nach Computervorlage herstellen. Ich fand sie bei Herstellern in China. Kostenpunkt einige Millionen Tansanische Schillinge. Da konnte Amani nicht mithalten, und ich konnte ihm auch nicht so holterdipolter eine spendieren. Wenigstens aber konnte ich eine Beschreibung dieser Wunderkisten aus dem Internet ausdrucken. Da stand dann auch das mit dem blauen Licht drinnen. Amani so: Ich mach das selber, gib mal her. Als wir uns diese Woche wiedersehen führt er mich von seinem Stand auf der Straße, unmittelbar vor dem Hinterhof, den der geübte Leser dieses Blogs als Treffpunkt der Schuhverkäufer erkennen wird, in den Hauseingang, die Treppe hinauf, zu seinem neuen „Büro“ in einer Ecke des Balkons. Ich staune nicht schlecht als er den weißen Schrank aufklappt und – tadaaaa! – da steht er: der Prototyp seiner Stempelmaschine.

2014-01-02-09-52-34Und so funktioniert´s: Sein junger Kollege Richard entwirft am Laptop das Design des Stempels, nach Vorgabe der Kunden, die Amani nach wie vor auf der Straße finden. Das Design wird auf transparentes Papier gedruckt, ausgeschnitten, und auf ein passendes Stück Gummi geklebt. Amani sagt, das sei „Polymer“, und mir reicht der Hinweis, dass der Gummi seine Eigenschaften verändert, sobald er in der Maschine war. Der Trick ist nämlich, dass der belichtete Gummi gehärtet wird, unbelichteter Gummi aber sich in Benzin auflöst. Die gedruckte Schablone auf den Gummi geklebt führt also dazu, dass die erwünschte Schrift und sonstiger Schnickschnack dem blauen Licht ausgesetzt wird. Wird das Gummiteil anschließend in Benzin gebürstet, so bleiben nur diese Teile stehen, und es entsteht eine astreine Druckfläche.

2014-01-02-09-53-08In der experimentellen Phase hatte Amani auf gewöhnliches Neonlicht als Härter gesetzt. Das half aber überhaupt nicht. Also las er nochmal in dem Zettel nach, den ich ihm ausgedruckt hatte. Da stand irgendwas von „UV“. Also besorgte Amani sich so eine Insektenfalle, bei der ultraviolettes Licht lästiges Flatterzeug dazu verführt auf einem Elektrogrill zu braten. Noch im Laden begann er das Ding aufzuschrauben, was den indischen Händler hinterm Tresen schon nervös machte. Amani beruhigte ihn, auf seine Garantie würde er getrost pfeifen, er habe größeres mit den Einzelteilen vor.

2014-01-02-09-54-22„Das ist modernste Technologie mein Freund“, scherzt er jetzt. Ich bin ehrlich beeindruckt und kann ihm nur gratulieren. Bei einigen seiner Kollegen auf der Straße hat die Neuigkeit schon die Runde gemacht: Amani kann´s mit blauem Licht. Sie bringen ihm ihre Aufträge vorbei, Richard bereitet sie am Computer vor, und Amani gibt sie in den Neongrill. Und nicht nur das kurbelt das Geschäft an: Amani hat bereits Anfragen bekommen weitere Stempelmaschinen zu bauen. Die wird er sich gut bezahlen lassen.

Mittwoch, 7. August 2013

Hinterhof´s (second) most famous

Guten Morgen meine Herren und da können wir noch was lernen: den "Knie-Zitterling" zum Beispiel oder den "Moped-Move". Die "Watoto wa Morogoro" zeigen in der heutigen Lektion noch einmal was ein Hüftschwung ist, für alle die untenrum etwas verspannt sind. Ich mag außerdem den selbstgebauten Bass ganz links außen.

Ich sag mal: Klicke auf das Bild um zum Video zu gelangen.
Ich sag mal: Klick

Ach so, die hatten wir ja schonmal als sie den Herren aus Deutschland besungen haben. Wir erinnern uns. Heute dann zum Schluß im Chor: "Wenn Du heiraten willst, heirate eine Köchin. Wenn Du dann mal kein Geld hast, isst Du zumindest umsonst." In diesem Sinne.

Freitag, 28. Juni 2013

Work in progress III

"Wir sind dann weiter zu 'Hazina', wo er sagte er habe eine Kundin. Er bat mich aber draußen an der Straßenecke zu warten. Ich nutzte die Gelegenheit um ein paar Notizen zu machen. Er kam zurück ohne verkauft zu haben. Er fragte mich, was 'blue monday' bedeute. Die Kundin habe das wohl gesagt. Ich erklärte ihm, blue monday sei, wenn man keine Freude habe, so wie viele Verkäufer sagen, am Montag gäbe es kein Geld für sie. Er verstand. Er erzählte mir von einem Song, den er geschrieben habe, 'Hard Times', ich sagte ihm, er könne einen weiteren schreiben, und ihn 'Blue Monday' nennen."

Aus meinen Feldnotizen, Montag, 30. Mai 2011

Donnerstag, 9. Mai 2013

Stampfen, Bruzeln, Schnibbeln

Die Mutter stampft getrocknete Maniokwurzeln mit den Töchtern, der Vater röstet Cashews mit dem Sohn - und der Ethnologe? Der hält die Kamera drauf und Schnibbelt dieses Filmchen daraus: Bitte sehr (klick mal auf´s Bild).

Miungo-Film

Oh und fast hätte ich´s vergessen: Entstanden sind die Aufnahmen bei einem Besuch im Dorf Miungo tief im Süden Tansanias, als mich mein Freund C. liebenswerter Weise mitnahm an den Hof seiner Familie. Darüber hatte ich bereits hier berichtet.

Freitag, 3. Mai 2013

Work in Progress II

wordle-schuhe

Die häufigsten Begriffe eines aktuellen Working-Papers zu meiner Feldforschung

Mittwoch, 3. April 2013

beim Durchstöbern des Materials III

Schuhe am Kijiweni, März 2013.
Schuhe am Maskani, März 2013.

Donnerstag, 14. März 2013

Zum mitsingen: Hinterhof's most famous

"Hier im Stadtzentrum kennen dich wirklich alle. Kein Wunder, dass man jetzt auch Lieder über dich singt." So ganz glaube ich es ihm ja nicht, meinem alten Freund C., aber ich fühle mich trotzdem geschmeichelt, als die "Watoto wa Morogoro" ihren Gassenhauer "Baba Alexi" schmettern: Sie besingen den "Herrn aus Deutschland" und loben seine strahlende Persönlichkeit. Er mag kein leeres Geschwätz, ist astrein gekleidet und scherzt mit allen Leuten, egal welchen sozialen Stands. Hört hört!

Die sechs Jungs sind eine selbstgebastelte Band. Sie klopfen und zupfen zusammengezimmerte Instrumente und spielen teils Eigenkompositionen, teils bekannte Hits. So ziehen sie durch die Straßen und Hinterhöfe der Stadt um ein paar Schillinge zu verdienen. Und heute kommen sie in "unserem" Hinterhof vorbei, gerade als ich mich mit meinem Kumpel C. treffe, den ich lange nicht gesehen habe. Den "Baba Alexi" intonieren sie spontan, nachdem sie mich als einzigen Weißen im Publikum entdeckt haben und meinen Namen und meine Herkunft in Erfahrung gebracht haben. Schlauberger.

Die Muddi schwingt die Hüften, C. lacht und die "Kids aus Morogoro" grinsen mich an: "Papa Alexi" geht das alles runter wie Öl, mein eigener Song, ein Gassenhauer im wahrsten Wortsinn. Hab ja lange genug auf meine fünf Minuten Ruhm gewartet. Geile Sache also. Die lasse ich mir doch gerne ein paar Tausender kosten, knipse ein paar Bilder und mache ein Filmchen. Das sollst Du, liebe Leserin, hier sehen.

Selbstgebastelt: Die "Kids aus Morogoro" zu Besuch.
Selbstgebastelt: Die "Kids aus Morogoro".
(Klicke auf das Bild um zum Video zu gelangen)


Und dann zum mitsingen:

Mtanasheti, mcheka na watu
Baba Alexi ye (hakuna mwengine)
Baba Alexi, mzee wa Germany
Yeye hapendi maneno fitina wala dharau
Mtanashati, mcheka na watu
Baba Alexi
...

Schick gekleidet und lacht mit den Leuten
Papa Alexi (es gibt keinen anderen)
Papa Alexi, der Herr aus Deutschland
Ist kein Freund scheinheiliger Worte und mag keine Herablassung
Schick gekleidet und lacht mit den Leuten...

...und so weiter.

Samstag, 9. März 2013

Die Pfützjungfrau von Kariakoo

Verließ ich mein Häuschen im Grünen um Besuch vom Flughafen abzuholen. Schöner Anfang für eine schöne Geschichte. Wäre da nicht: Die Regenzeit. Als ich mit dem Taxi auf die Fähre fuhr, um den indischen Ozean Richtung Stadtzentrum zu überqueren, war von der Sonne schon nichts mehr zu sehen. Über der Bucht tiefschwarze Regenwolken.

Als die ersten Tropfen die Passagiere auf Deck erreichten und auf unserer Windschutzscheibe platzten, drehte die Musik im Radio auf Kitsch. Die kalifornische Band "Toto" dudelte ihren glattgebügelten High-End-Pop über die Suche nach Seelenfrieden auf dem afrikanischen Kontinent: "I bless the rains down in Africa" kreiste der Refrain. Da konnte ich mich nicht direkt anschließen, hatte ich doch oft erlebt, wie die ganze Stadt unter der Gewalt der Regengüsse zum Erliegen kam. Trotzdem irgendwie witzig, die Ironie, hier, in Afrika, im Regen, im Auto... J., der am Steuer saß, bekam von diesem Witz nichts mit. Er sprach kein Englisch.

Das Wasser stürzte auf uns runter und als wir auf der anderen Seite die kurze Rampe zur Straße hochfuhren, hatte sich der eben noch besungene Regen bereits in einen wahren Fluch verwandelt. Klitschnasse Leute rannten davon, irgendwohin, hielten sich Zeitungen oder Plastiktüten über ihren Kopf. Wir steckten mitten im Regen und sofort in einem handfesten Stau.

Mit dem Regen bricht der Verkehr in Dar komplett zusammen. Die Leute wissen wenn der Regen kommt, dann nichts wie raus aus der Stadt, solange es noch geht, denn ab einem bestimmten Zeitpunkt sind alle Busse überfüllt, alle Straßen zu, nichts geht mehr, und zwar garnichts mehr. Stau bis in die Hölle. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung also. Als wir nach zwanzig Minuten immer noch nicht vom Fährhafen weggekommen waren, wurde ich langsam unruhig. Mein Gast würde in einer Stunde landen, und ich war noch viele Kilometer vom Julius Nyerere Flughafen entfernt.

Unsere Spur war komplett zu, also begannen die Leute auf die Gegenfahrbahn auszuscheren, in dem durch und durch naiven Glauben so am Stau einfach vorbeizufahren. Ähä? Die Rechnung ging natürlich nicht auf, sondern hatte nur den Effekt, dass nun auch die Autos, die aus den Seitenstraßen einbiegen wollten, dies nicht tun konnten, so dass sich der Stau sukzessive in sämtliche Nebenstraßen ausbreitete. Im Auto hatte es wohl an die 30 Grad. Und draußen immer noch Platzregen.

Wir beschlossen den Stau zu umfahren und uns durch die hinteren Straßen, auf der anderen Seite der Stadt Richtung Flughafen durchzudrängeln. Wir quälten uns also bis nach Kariakoo hinein, in das notorisch überbevölkerte Marktviertel, um - Überraschung: im nächsten Stau zu stecken.

Mein Freund aus Deutschland war nun laut Flugplan bereits gelandet und die Kreuzung vor uns war komplett zu. In den winzigen Lücken zwischen den verkeilten Autos, Stadtbussen, Kleinlastern, Dreirad-Rikschas und SUVs standen Leute, die Fahrer wohl von den festgesetzten Bussen, und versuchten verzweifelt, die sich hineindrängenden Autofahrern zu disziplinieren. Sie gaben den drängelnden Fahrern Anweisungen, wer von ihnen bei der nächsten Bewegung der stinkenden Autoschlange in die Kreuzung einfahren durfte. Natürlich wusste jeder es besser als die anderen. Großes Kino. Es ging im Wesentlichen um wildes Rudern mit beiden Armen und lautstarkes Durcheinanderplärren von widersprüchlichen Befehlen durch die jeweils einzelnen Busfahrer. Verkehrskreuzigung, sozusagen. Meine Damen und Herren: Nichts geht mehr, und es wird auch nie wieder überhaupt irgendetwas gehen, niemals. Ich bin gefangen im Stau, hier in Kariakoo, für immer. Für immer immer? Für immer immer immer.

timIch spielte ernsthaft mit dem Gedanken auszusteigen und ein Stück des Weges zu Fuß zu gehen. Ich könnte meine nassen Schuhe gegen einen Regenschirm eintauschen. Ich würde dann versuchen, über die Dächer der feststeckenden Autos zu springen, mit dem Regenschirm Pirouetten drehend, bei jedem Satz die glitschig-schlammigen Füße elegant zusammenschlagend, bis ich am vorderen Ende der Autoschlange vermutlich in eine Pfütze galaktischen Ausmaßes hineingleiten würde, in Zeitlupe am besten, ich tauche auf und lasse mich treiben, greife nach dem Autoschlauch der an mir vorüberzieht, klammere mich daran fest und recke den Kopf in die Höhe, um einige Tropfen des herabfallenden Wassers zu trinken, eine Meerjungfrau, nein, eine Pfützjungfrau taucht neben mir auf und lächelt mich mit schwarz-braunen, wässrigen Augen an, sie greift nach meiner Schulter.

Nein, es ist J. der mich wachrüttelt. Wir fahren! Ich richte mich in meinem Sitz auf, kurble das Fenster herunter und bekomme endlich frische Luft zu atmen. Der Regen hat aufgehört und wir haben Kariakoo und den Stau hinter uns gelassen.

Am Flughafen treffe ich, ganz in tansanischer Manier, mit einer geschlagenen Stunde Verspätung ein. Mein Gast nimmt´s gelassen: Ich treffe knappe zwei Meter T. entspannt auf seinem Rucksack lungernd an, die langen Beine in lässige Schlaghosen gesteckt, ganz wie ich ihn kenne. Im Mundwinkel die obligatorische Fluppe. "Hallo kleiner Mann," begrüßt er mich.

Freitag, 8. Februar 2013

Beim Durchstöbern des Materials II

Hosenverkaeufer
Foto Link Reuben (c) 2012

Freitag, 11. Januar 2013

Bäh. Oder: Versuch über die Stille

Es dröhnt. Ok? Es scheppert und kracht. Dann dröhnt es wieder. Oh Mann. Die Gehörgänge machen dicht. Die Basslinie dringt in den Kopf und drückt das Gehirn zur Seite. Jeder Ton, jede Frequenz des Bass setzt ein anderes Körperteil in Schwingung. Zwischen Brust und Kopf. Jetzt flackert das Licht. Kurz verliere ich die Orientierung. Der Basslauf ist durch, die Optik wird wieder scharf. Dann wieder fährt das Dröhnen vom Bauch in die Birne. Es macht der DJ eine Ansage. Ich kneife die Augen zusammen, bei jedem Zischlaut aus seinem Mund. Ich will das gar nicht, muss ein Reflex sein. Damit das Gehirn nicht in Scheiben geschnitten wird. Hat die Natur so eingerichtet. Oder der Liebe Gott, da gehen die Meinungen auseinander. Die Bedienung lahmarscht durch die akustische Hölle und sagt Unverständliches. Sie bewegt die Lippen, ich nicke, zucke gleich darauf mit den Schultern und recke einen Finger in die Höhe. Sie geht. Gutes Gespräch. Sie wird mir vermutlich Bier bringen.

Ich blicke mich um. Im trüben Licht roter und blauer Neonröhren, auf Plastikstühlen, gruppiert rund um Plastiktische, um Bäume herum und unter einem hohem Palmblätterdach, sitzen dutzende Männer. Geplättet. War ein heißer Tag heute. Wie immer eigentlich. Jetzt gibt’s Bier. Oder Konyagi, "The Spirit of the Nation". Wer die Flasche leer hat legt sie vor sich auf den Tisch. Dann weiß die Bierbringerin was zu tun ist. Ganz ohne Reden. Man drückt auf dem Handy herum. Drück drück. So wie ich, der ich diese possierlichen Beobachtungen hier und in just diesem Moment der Berühroberfläche meines Smartphones aufstreiche. Ich und diese Männer, und die Männer untereinander: Wir könnten uns jetzt auch anschreien, durch den Lärm hindurch, wie geht’s und all das. Was gibt´s Neues und so. Und wer hat wieder welchen Vogel abgeschossen heute.

Tun wir aber nicht. Wir schweigen. Noch nicht mal uns an, sondern einfach: Schweigen, jeder für sich. Da gibt´s nix herzugeben oder mitzuteilen. Dafür dann diese Frage, also echt mal, an mich selbst gestellt: Diese Lautstärke, wieso eigentlich? Es war doch eh schon so laut in der Stadt heute. Auf dem Weg dorthin kreischte die Musik im Daladala. Die Generatoren auf der Straße: Akustischer Terror. Und dann überall Leute. Ständiges Gegrüße und Gequatsche. Überall Autos. Man nennt das Verkehrschaos. Die Stadt, im Grunde eine permanente Großbaustelle, ein Attentat auf die Sinne. Und schließlich, abends im "Lulu Pub": knallharte Kampfbeschallung.

Noch einmal ein Blick in die Runde. Doch: Zufriedene, entspannte Gesichter. Kein Wort. Mir kommt eine Idee, das kann mitunter passieren. Also: Wir können uns hier nicht unterhalten, stimmt´s? Deshalb müssen wir das auch nicht. Keiner wird’s keinem krumm nehmen, wenn er sich nicht nach dem Wohlbefinden der weiteren Verwandtschaft ganz allgemein erkundigt. Keiner wird am Ende beleidigt sein, wenn er nicht mit ausufernden Argumenten für diesen oder jenen Standpunkt, zum einen dann zum anderen Thema, zerstreut wird. Wir können nicht, ergo: wir müssen nicht reden. Und wisst ihr was? Das ist geil! Geil, geil, geilogeil! Endlich Ruhe! Welch Wohltat! Reine Luft im Gehirn! Sonst nix, aber sowas von nix! Welch fliederfarbenes Seelenflattern! Alles um uns herum brüllt! Und die ewige Kommunikationsmaschine: schweigt.

Und dann diese pseudowissenschaftliche Analyse hinterherschieben: Möglicherweise gibt es eine Dichte von Frequenzen, ein undurchdringliches Konglomerat an Geräuschen, über- und durcheinander gelagerten Tönen, an dem die menschlichen Sinne schlicht abprallen. Für das Gehirn nicht mehr zu entwursteln und zu Sinn zu verarbeiten. Sensorisch zu nichts zu gebrauchen, totale Überforderung. Bäh. Nichts geht mehr. Es macht sich daher breit: Totale innere Stille. Innerer Frieden. Zusammensitzen und endlich allein sein. Oder anders: Fast schon Buddhismus, eigentlich. Fett OM, könnte man sagen. Würde man aber eh nicht hören. Denn es rockt. Zumindest dröhnt es. Ok?

Freitag, 28. Dezember 2012

Viagra-Überschrift.com

Nicht mehr hier und noch nicht dort. Ich so am Flughafen Doha, Übergang und liminale Phase, Victor Turner und alles, ist ja ein alter Hut. Sehr viel lebensweltlicher und hoffentlich schockierender dagegen: Im Ruheraum des Wartebereichs riecht es streng nach Füßen. Nach internationalen Füßen, immerhin. Ich versuche meine Beine auszustrecken, was auf den vermeintlich ergonomisch geformten Liegen nicht funktioniert, weil sie so kurz sind, dass die Beinlehne nur bis zum Unterschenkel reicht. Nach einigen Minuten muss ich meine Lage wechseln, weil die Kante der Beinlehne den Füßen das Blut abschnürt. Aus Protest ziehe ich meine Schuhe aus und mische mich olfaktorisch unter die Wartenden.

Der Rest vom kleinen Flughafen ist im Grunde eine Shopping-Mall für Luxus- und Designerwaren. Die üblichen Parfums, Fotoapparate, Mobiltelefone, Armbanduhren. Alles glitzert, täuscht Weltgewandtheit und Modernität, vielleicht sogar Kultiviertheit vor. Dieser Korpus an Dingen ist hier mitten ins Herz der Fremdheit eingebaut, mitten zwischen uns Reisende aus allen Windrichtungen gestellt worden, die wir uns hastig anblicken und mustern, Gemeinsamkeiten und Fremdartigkeiten in Sekundenbruchteilen erfassen und dabei frei von der Leber stereotypisieren (ich zumindest). Die Auslagen der Stände und Geschäfte sind vielleicht ein Kristallisationspunkt der internationalen Warenwelt. Diese Dinge begleiten uns auf unseren Wegen quer durch die Welt, von Sydney nach Frankfurt, von Manila nach Washington, von Kinshasa nach Moskau. Genaugenommen begleiten sie uns nicht, also zumindest mich nicht, denn neben mir saß im Flugzeug keine Rolex, sondern eine bayrische Geschäftsfrau mittleren Alters und schweren Akzents, mit ihrer vielleicht achtjährigen Tochter und ihrer Mutter, auf dem Weg über Doha nach Dubai. Nein, auf diese Dinge stoße ich in Doha. Hier erscheinen sie als ein Sammelsurium an portablen Zeichen, die die Zugehörigkeit zu einer Idee von kommerziell universalisierter Elite sichtbar machen, egal an welchem kulturellen, religiösen oder politischen Herdfeuer der Träger sich nach seiner Heimkehr wärmen wird.

Glitzernder Schein: Der Duty Free Bereich eines international riechenden Flughafens irgendwo am Arabischen Golf.
Glitzernder Schein: Der Duty Free Bereich eines
international riechenden Flughafens irgendwo am Persischen Golf.


Der chinesische Handelsreisende neben mir – das sag ich jetzt mal, woher soll ich denn wissen, wer er ist und was er hier macht? Also nochmal: Der chinesische Handelsreisende neben mir auf der Liege dreht sich um und grunzt wohlig dabei, als wolle er damit folgenden Gedanken bekräftigen: Dinge sind wie Worte, sie können auf etwas außerhalb ihres unmittelbaren Kontextes verweisen, machen aber vor allem Sinn und erhalten ihre Bedeutung vor allem in konkreten Situationen und durch den Umgang konkreter Menschen mit ihnen. Dinge wie Worte. Ich denke da an Begriffe, die sich loslösen von ihrem Herkunftszusammenhang, um aus welchen Gründen auch immer durch Raum und Zeit zu wandern, um an völlig anderen Orten wieder aufzutauchen. „Asia in Miniature“ ist ein Beispiel, das James Ferguson in seiner durch und durch lesenswerten Copperbelt Ethnographie „Expectations of Modernity“ erwähnt. "Asia in Miniature," das steht an einer Hauswand in Fergusons Nachbarschaft. Und nachdem der Ethnograph wochenlang grübelte, was damit gemeint sein könnte, eröffnete ihm ein „Informant“, dass diese Worte wohl jemand aus einem Schulbuch abgeschrieben hatte, der gar kein Englisch konnte. Hm. Alles weitere Bohren und Fragen Fergusons, was diese Botschaft denn nun bedeuten sollte, führte also zu der vollkommen folgerichtigen Antwort: Nichts!
Feldforschung kann so schön sein.

Ich denke in diesem Zusammenhang auch an das „New Viagra Pub“ irgendwo in Daressalam, dessen Namensgebern man durchaus eine sinnstiftende und irgendwie die Menschen zusammenführende Absicht in ihrer Namenswahl unterstellen kann. Genau weiß ich das aber nicht und vermute, dass auch hier das „weiße Rauschen“ der Kultur am Werk war. Oder die Aufschrift auf dem selbstgezimmerten Bretterwürfel am Straßenrand, in dem ich mir einst von einem zugedröhnten Bürschlein die Haare scheren ließ: „Thug Life Barber Shop.com“. Die Internetseite habe ich nie gefunden, vielleicht auch nie danach gesucht, wer weiß das schon. Aber „dot com“ macht sich in jedem Fall gut. Dann wäre da noch das fahrende soziale Netzwerk, der städtische Minibus mit der weißen Heckscheibenaufschrift auf blauem Grund: „facebook“, den ich ständig an mir vorbeidonnern sehe, wenn ich meinen Fotoapparat gerade mal nicht bei der Hand habe. Dabei ist er eigentlich mein Favorit, da er diesem unfassbaren, immateriellen Internetgelöt eine greifbare und darüber hinaus herrlich qualmende und stinkende Materialität schenkt. Facebook, ganz ohne Internetanschluss: einfache Fahrt 300 Schillinge.

Was lernen wir daraus? „Sinngebungen über kulturelle Kontexte hinweg haben nicht unbedingt etwas mit kultureller Vereinheitlichung oder 'MacDonaldisierung' zu tun.“ Sagt wer? Viele sagen das (Soundso et al. 2012). Und: Manchmal wandern die Zeichen und Bedeutungen auf Umwegen ins Nirgendwo, manchmal geht ihre ursprüngliche Bedeutung unterwegs einfach verloren. Jetzt hätte ich fast mit einer nicht neuen, aber doch hübsch formulierten Konklusion geendet, deswegen schiebe ich noch rasch das hier hinterher: Ich finde das tröstend und durchaus ermutigend, dass nicht immer alle so genau wissen oder erklären können was sie tun. Da mache ich mit.

Freitag, 7. Dezember 2012

Beim durchstöbern des Materials I

Karume Markt in Ilala, Daressalam. Foto (c) 2012 Link Reuben
Foto Link Reuben (c) 2012

Dienstag, 20. November 2012

Man beachte den Eintrittspreis!

Ethnologisches-Caf-Zuerich1

Sonntag, 18. November 2012

Wenn im Herz die Finsternis.

Nachdem gegen 3.30 morgens die drei Hunde im Hof ihr grauenhaftes Geheul endlich eingestellt hatten, krähten gegen 4.30 die ersten Hähne. Um sechs Uhr, kurz vor Sonnenaufgang, entließ das Mädchen aus dem Haus nebenan die Hühner in den Hof, wo sie alsbald ihr übliches Gescharre und Gezetere aufnahmen. Ich blieb einen Moment in meinem klammgeschwitzen Bettlaken liegen, dann holte ich meine müden Knochen unter dem Moskitonetz hervor. Wasser zum Duschen gab es mal wieder nicht, so dass ich nur ein wenig aus dem Eimer über meinen Kopf schöpfte, eine Wäsche „passport size“, wie man hier sagte.

K. holte mich, wie jeden Morgen, mit dem Moped zuhause ab, und setzte mich nach zehn Minuten Fahrt über die steinige Dorfstraße vorne, dort wo der Bus hält, ab. Tausend Schilling bekam er dafür: Alles klar? Alles super. Also dann, bis später - ok, bis später. Eingequetscht im nächsten Minibus machte ich es bis zur Fähre in Kigamboni, wo eine lange Autoschlange auf Überfahrt wartete, und wir Fußgänger uns unter das Wellblechdach drängten, um der morgendlichen Sonne zu entkommen. Für 200 Schillinge kaufte ich ein Papierticket, dass mir nur drei Meter hinter der Verkaufsbude wieder abgenommen wurde. Die schlurfenden Schritte und bunten Tücher der Frauen oder die vom Leben gezeichneten Gesichter der Männer waren für mich längst nicht mehr interessant, so dass ich, statt Leute zu gucken, lieber eine Runde Sudoku (Level 61) auf meinem Mobiltelefon spielte. Dann das metallische Klackern des sich öffnendes Tores. Wie eine Herde Vieh drängten wir uns zum Ausgang, zum Nadelöhr. Auf der anderen Seite die abschüssige Betonrampe zur Fähre „Kigamboni“. Drängeln, Enge, Hupen, Rutschen, rauf auf die Rampe, zusammenpferchen, warten.

Nicht immer so sonnig.Ich mochte diese morgendliche Fahrt über den Hafen. An diesem Tag lag zur einen Seite ein riesiges Schiff namens „Walenius Wilhemsen“, wie ein umgestürztes Hochhaus im schwarzen Wasser. Ich drehte den Kopf und blickte auf die andere Seite in die sich zum indischen Ozean hin öffnende Bucht: nächster Halt Zanzibar. Aufs Wasser starren und an den Münchner Marienplatz denken. Oder an die Fähre zwischen Meersburg und Konstanz. Endweitweg. Eine andere Welt. Am anderen Ufer dagegen: erneutes Gedränge, und wie mir das zum Hals heraushing. Hupende Autos scheuchten uns von der Rampe, über den Beton, durchs Tor hoch zur Straße. Eine Reihe schrottiger Minibusse stand im Stau, dahinter eine weitere Reihe, alle mit laufenden Motoren, eine Bleiwolke stand in der Luft, die Autos und Mopeds von der Fähre trafen auf den Stau, drängten sich irgendwie dazwischen, hupten, die Fußgänger, Radfahrer schoben sich mit rein, die Busleute schrien ihre Fahrtziele in das Chaos, schlugen dabei mit der flachen Hand auf ihre Blechkanister: Guten Morgen Daressalam.

Ich entschloss zu Fuß weiter zu gehen. Das kurze Stück bis zur Post. Neben der Fahrbahn im Strom der Leute, rechts und links nur Staub, Staub, Staub. Die Sonne verbrannte die Haut auf meinem Nacken, der Staub und die Abgase brannten in den Augen und nahmen mir die Luft. An alten Kolonialbauten vorbei, hier waren Ministerien und Ämter untergebracht. Beleibte Herren mit schwarzen Anzügen und einer kleinen Tansanischen Flagge am Sakko kamen mir entgegen. Innerlich verfluchte ich sie, in meinen Augen waren sie es, die für die Ungerechtigkeit, die Hackordnung, das Recht des Stärkeren in diesem Land verantwortlich waren. Geschmiert und gekauft, fettgefressen auf Kosten der anderen, die im Dreck und im Dunkeln saßen und sich von Tag zu Tag irgendwie über Wasser hielten.

Ich bog rechts in die Pamba Street ein. Zerfledderte Bücher, die auf dem Gehsteig verkauft wurden. Wachmänner saßen mit vorkolonialen Schrotflinten auf dreibeinigen Stühlen an den Straßenecken. Ich überquerte den Kreisverkehr beim Askari-Monument und fragte mich, was mich an meiner Straßenecke an diesem Tag erwarten würde. Sicher nichts, was ich nicht schon hundertmal erlebt und notiert hätte. Der Alltag, die Routinen, das Immergleiche, die Geschichten, die Posen, die Sprüche, das Stöhnen, das Jammern, das Grauen. Das Grauen?

Neues von der Strassenecke.

Und was sonst so ist.

karibu!

Du bist nicht angemeldet.

Fieldwork
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren