Donnerstag, 9. Mai 2013

Stampfen, Bruzeln, Schnibbeln

Die Mutter stampft getrocknete Maniokwurzeln mit den Töchtern, der Vater röstet Cashews mit dem Sohn - und der Ethnologe? Der hält die Kamera drauf und Schnibbelt dieses Filmchen daraus: Bitte sehr.

Miungo-Film

Oh und fast hätte ich´s vergessen: Entstanden sind die Aufnahmen bei einem Besuch im Dorf Miungo tief im Süden Tansanias, als mich mein Freund C. liebenswerter Weise mitnahm an den Hof seiner Familie. Darüber hatte ich bereits hier berichtet.

Freitag, 3. Mai 2013

Work in Progress II

wordle-schuhe

Die häufigsten Begriffe eines aktuellen Working-Papers zu meiner Feldforschung

Mittwoch, 3. April 2013

beim Durchstöbern des Materials III

Schuhe am Kijiweni, März 2013.
Schuhe am Maskani, März 2013.

Donnerstag, 14. März 2013

Zum mitsingen: Hinterhof's most famous

"Hier im Stadtzentrum kennen dich wirklich alle. Kein Wunder, dass man jetzt auch Lieder über dich singt." So ganz glaube ich es ihm ja nicht, meinem alten Freund C., aber ich fühle mich trotzdem geschmeichelt, als die "Watoto wa Morogoro" ihren Gassenhauer "Baba Alexi" schmettern: Sie besingen den "Herrn aus Deutschland" und loben seine strahlende Persönlichkeit. Er mag kein leeres Geschwätz, ist astrein gekleidet und scherzt mit allen Leuten, egal welchen sozialen Stands. Hört hört!

Die sechs Jungs sind eine selbstgebastelte Band. Sie klopfen und zupfen zusammengezimmerte Instrumente und spielen teils Eigenkompositionen, teils bekannte Hits. So ziehen sie durch die Straßen und Hinterhöfe der Stadt um ein paar Schillinge zu verdienen. Und heute kommen sie in "unserem" Hinterhof vorbei, gerade als ich mich mit meinem Kumpel C. treffe, den ich lange nicht gesehen habe. Den "Baba Alexi" intonieren sie spontan, nachdem sie mich als einzigen Weißen im Publikum entdeckt haben und meinen Namen und meine Herkunft in Erfahrung gebracht haben. Schlauberger.

Die Muddi schwingt die Hüften, C. lacht und die "Kids aus Morogoro" grinsen mich an: "Papa Alexi" geht das alles runter wie Öl, mein eigener Song, ein Gassenhauer im wahrsten Wortsinn. Hab ja lange genug auf meine fünf Minuten Ruhm gewartet. Geile Sache also. Die lasse ich mir doch gerne ein paar Tausender kosten, knipse ein paar Bilder und mache ein Filmchen. Das sollst Du, liebe Leserin, hier sehen.

Selbstgebastelt: Die "Kids aus Morogoro" zu Besuch.
Selbstgebastelt: Die "Kids aus Morogoro".
(Klicke auf das Bild um zum Video zu gelangen)


Und dann zum mitsingen:

Mtanasheti, mcheka na watu
Baba Alexi ye (hakuna mwengine)
Baba Alexi, mzee wa Germany
Yeye hapendi maneno fitina wala dharau
Mtanashati, mcheka na watu
Baba Alexi
...

Schick gekleidet und lacht mit den Leuten
Papa Alexi (es gibt keinen anderen)
Papa Alexi, der Herr aus Deutschland
Ist kein Freund scheinheiliger Worte und mag keine Herablassung
Schick gekleidet und lacht mit den Leuten...

...und so weiter. Die Liste der vortrefflichen Eigenschaften meiner wunderbaren Persönlichkeit ist bekanntermaßen zu lang um aufgeschrieben zu werden.

Samstag, 9. März 2013

Die Pfützjungfrau von Kariakoo

Verließ ich mein Häuschen im Grünen um Besuch vom Flughafen abzuholen. Schöner Anfang für eine schöne Geschichte. Wäre da nicht: Die Regenzeit. Als ich mit dem Taxi auf die Fähre fuhr, um den indischen Ozean Richtung Stadtzentrum zu überqueren, war von der Sonne schon nichts mehr zu sehen. Über der Bucht tiefschwarze Regenwolken.

Als die ersten Tropfen die dicht zusammengepferchten Passagiere auf Deck erreichten und auf unserer Windschutzscheibe platzten, drehte die Musik im Radio auf Kitsch. Die kalifornische Band "Toto" dudelte ihren glattgebügelten High-End-Pop über die Suche nach Seelenfrieden auf dem afrikanischen Kontinent: "I bless the rains down in Africa" kreiste der Refrain. Nun, da konnte ich mich nicht direkt anschließen, hatte ich doch oft erlebt, wie die ganze Stadt unter der Gewalt monumentaler Regengüsse förmlich zum Erliegen kam. Trotzdem irgendwie witzig, die Ironie, hier, in Afrika, im Regen, im Auto, mit diesem US-Import romantischer Verklärung berieselt zu werden. Mein Fahrer J. bekam von diesem Witz nichts mit. Er war des Englischen nicht mächtig.

Das Wasser stürzte auf uns hernieder, und als wir auf der anderen Seite die kurze Rampe zur Straße hochfuhren, hatte sich der eben noch besungene Regen bereits in einen wahren Fluch verwandelt. Leute in klitschnassen Kleidern rannten weg, irgendwohin, hielten sich Zeitungen oder Plastiktüten über ihren Kopf. Wir steckten mitten in einem Regenguss und unmittelbar in einem handfesten Stau fest.

Mit dem Regen bricht der Verkehr in Dar komplett zusammen. Ich weiß nicht, woran das liegt. Die Leute wissen, wenn der Regen kommt, dann nichts wie raus aus der Stadt, solange es noch geht, denn an einem Punkt sind alle Busse überfüllt, alle Straßen zu, nichts geht mehr, Hochwasser aus der Hölle. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung also. Als wir nach zwanzig Minuten immer noch nicht vom Fährhafen weggekommen waren, wurde ich langsam unruhig. Mein Gast würde in einer Stunde landen, und ich war noch viele Kilometer vom Julius Nyerere Flughafen entfernt.

Unsere Spur war komplett zu, also begannen die Leute auf die Gegenfahrbahn auszuscheren, in dem durch und durch naiven Glauben, so "einfach am Stau vorbeizufahren". Die Rechnung ging natürlich nicht auf, sondern hatte nur den Effekt, dass nun auch die Autos, die aus den Seitenstraßen einbiegen wollten, dies nicht tun konnten, so dass sich der Stau sukzessive in sämtliche Nebenstraßen ausbreitete. Im Auto hatte es wohl an die 30 Grad. Draußen immer noch: Platzregen.

Wir beschlossen den Stau zu umfahren und uns durch die hinteren Straßen, auf die andere Seite der Stadt, Richtung Flughafen, durchzudrängeln. Wir quälten uns also bis nach Kariakoo hinein, in das notorisch überbevölkerte Marktviertel, um, Überraschung: im nächsten Stau zu stecken. So schlau wie wir waren andere wohl auch. Mein Freund aus Deutschland war nun laut Flugplan bereits gelandet. Die Kreuzung vor uns war komplett zu, zwischen den verkeilten Autos, Stadtbussen, Kleinlastern, Dreirad-Rikschas und SUVs stand eine Schar von Busfahrern, die verzweifelt versuchten, die sich hineindrängenden Autofahrern zu disziplinieren und eine Reihenfolge festzulegen, wer bei der nächsten Bewegung der stinkenden Autoschlange in die Kreuzung einfahren durfte. Dies erforderte wildes Fuchteln und Rudern mit beiden Armen und lautstarkes Durcheinanderplärren von widersprüchlichen Befehlen durch die jeweils einzelnen Busfahrer: Verkehrskreuzigung, sozusagen. Meine Damen und Herren: Nichts geht mehr, und es wird auch nie wieder irgendetwas gehen, niemals, ich bin gefangen im Stau, hier in Kariakoo, für immer, für immer immer, für immer immer immer. Und mein Gast? Der wird am Flughafen ausharren bis zu seinem Rückflug.

timIch spielte ernsthaft mit dem Gedanken auszusteigen und ein Stück des Weges zu Fuß zu gehen. Ich könnte meine Schuhe gegen einen Regenschirm eintauschen. Ich würde dann versuchen, über die Dächer der feststeckenden Autos zu springen, mit dem Regenschirm Pirouetten drehend, bei jedem Satz die Hacken elegant zusammenschlagend, bis ich am vorderen Ende der Autoschlange vermutlich in eine Pfütze galaktischen Ausmaßes hineingleiten würde, in Zeitlupe am besten, ich tauche auf und lasse mich treiben, greife nach dem Autoschlauch der an mir vorüberzieht, klammere mich daran fest und recke den Kopf in die Höhe, um einige Tropfen des herabfallenden Wassers zu trinken, eine Meerjungfrau, nein, eine Pfützjungfrau taucht neben mir auf und lächelt mich mit schwarz-braunen, wässrigen Augen an, sie greift nach meiner Schulter - nein, es ist J. der mich wachrüttelt. Schock schwere Not: Wir fahren! Und sie bewegt sich doch, die Autokolonne! Ich richte mich in meinem Sitz auf, kurble das Fenster herunter und bekomme endlich frische Luft zu atmen. Der Regen hat aufgehört und wir haben den Höllenstau hinter uns gelassen.

Am Flughafen treffe ich, ganz in tansanischer Manier, mit einer geschlagenen Stunde Verspätung ein. Mein Gast nimmt´s gelassen: Ich treffe knappe zwei Meter T. entspannt auf seinem Rucksack lungernd an, die langen Beine in lässige Schlaghosen gesteckt, ganz wie ich ihn kenne. Im Mundwinkel die obligatorische Fluppe. "Hallo kleiner Mann," begrüßt er mich.

Freitag, 8. Februar 2013

Beim Durchstöbern des Materials II

Hosenverkaeufer
Foto Link Reuben (c) 2012

Freitag, 11. Januar 2013

Bäh. Oder: Versuch über die Stille

Es dröhnt. Ok? Es scheppert und kracht. Dann dröhnt es wieder. Oh Mann. Die Gehörgänge machen dicht. Die Basslinie dringt in den Kopf und drückt das Gehirn zur Seite. Jeder Ton, jede Frequenz des Bass setzt ein anderes Körperteil in Schwingung. Zwischen Brust und Kopf. Jetzt flackert das Licht. Kurz verliere ich die Orientierung. Der Basslauf ist durch, die Optik wird wieder scharf. Dann wieder fährt das Dröhnen vom Bauch in die Birne. Es macht der DJ eine Ansage. Ich kneife die Augen zusammen, bei jedem Zischlaut aus seinem Mund. Ich will das gar nicht, muss ein Reflex sein. Damit das Gehirn nicht in Scheiben geschnitten wird. Hat die Natur so eingerichtet. Oder der Liebe Gott, da gehen die Meinungen auseinander. Die Bedienung lahmarscht durch die akustische Hölle und sagt Unverständliches. Sie bewegt die Lippen, ich nicke, zucke gleich darauf mit den Schultern und recke einen Finger in die Höhe. Sie geht. Gutes Gespräch. Sie wird mir vermutlich Bier bringen.

Ich blicke mich um. Im trüben Licht roter und blauer Neonröhren, auf Plastikstühlen, gruppiert rund um Plastiktische, um Bäume herum und unter einem hohem Palmblätterdach, sitzen dutzende Männer. Geplättet. War ein heißer Tag heute. Wie immer eigentlich. Jetzt gibt’s Bier. Oder Konyagi, "The Spirit of the Nation". Wer die Flasche leer hat legt sie vor sich auf den Tisch. Dann weiß die Bierbringerin was zu tun ist. Ganz ohne Reden. Man drückt auf dem Handy herum. Drück drück. So wie ich, der ich diese possierlichen Beobachtungen hier und in just diesem Moment der Berühroberfläche meines Smartphones aufstreiche. Ich und diese Männer, und die Männer untereinander: Wir könnten uns jetzt auch anschreien, durch den Lärm hindurch, wie geht’s und all das. Was gibt´s Neues und so. Und wer hat wieder welchen Vogel abgeschossen heute.

Tun wir aber nicht. Wir schweigen. Noch nicht mal uns an, sondern einfach: Schweigen, jeder für sich. Da gibt´s nix herzugeben oder mitzuteilen. Dafür dann diese Frage, also echt mal, an mich selbst gestellt: Diese Lautstärke, wieso eigentlich? Es war doch eh schon so laut in der Stadt heute. Auf dem Weg dorthin kreischte die Musik im Daladala. Die Generatoren auf der Straße: Akustischer Terror. Und dann überall Leute. Ständiges Gegrüße und Gequatsche. Überall Autos. Man nennt das Verkehrschaos. Die Stadt, im Grunde eine permanente Großbaustelle, ein Attentat auf die Sinne. Und schließlich, abends im "Lulu Pub": knallharte Kampfbeschallung.

Noch einmal ein Blick in die Runde. Doch: Zufriedene, entspannte Gesichter. Kein Wort. Mir kommt eine Idee, das kann mitunter passieren. Also: Wir können uns hier nicht unterhalten, stimmt´s? Deshalb müssen wir das auch nicht. Keiner wird’s keinem krumm nehmen, wenn er sich nicht nach dem Wohlbefinden der weiteren Verwandtschaft ganz allgemein erkundigt. Keiner wird am Ende beleidigt sein, wenn er nicht mit ausufernden Argumenten für diesen oder jenen Standpunkt, zum einen dann zum anderen Thema, zerstreut wird. Wir können nicht, ergo: wir müssen nicht reden. Und wisst ihr was? Das ist geil! Geil, geil, geilogeil! Endlich Ruhe! Welch Wohltat! Reine Luft im Gehirn! Sonst nix, aber sowas von nix! Welch fliederfarbenes Seelenflattern! Alles um uns herum brüllt! Und die ewige Kommunikationsmaschine: schweigt.

Und dann diese pseudowissenschaftliche Analyse hinterherschieben: Möglicherweise gibt es eine Dichte von Frequenzen, ein undurchdringliches Konglomerat an Geräuschen, über- und durcheinander gelagerten Tönen, an dem die menschlichen Sinne schlicht abprallen. Für das Gehirn nicht mehr zu entwursteln und zu Sinn zu verarbeiten. Sensorisch zu nichts zu gebrauchen, totale Überforderung. Bäh. Nichts geht mehr. Es macht sich daher breit: Totale innere Stille. Innerer Frieden. Zusammensitzen und endlich allein sein. Oder anders: Fast schon Buddhismus, eigentlich. Fett OM, könnte man sagen. Würde man aber eh nicht hören. Denn es rockt. Zumindest dröhnt es. Ok?

Freitag, 28. Dezember 2012

Viagra-Überschrift.com

Nicht mehr hier und noch nicht dort. Ich so am Flughafen Doha, Übergang und liminale Phase, Victor Turner und alles, ist ja ein alter Hut. Sehr viel lebensweltlicher und hoffentlich schockierender dagegen: Im Ruheraum des Wartebereichs riecht es streng nach Füßen. Nach internationalen Füßen, immerhin. Ich versuche meine Beine auszustrecken, was auf den vermeintlich ergonomisch geformten Liegen nicht funktioniert, weil sie so kurz sind, dass die Beinlehne nur bis zum Unterschenkel reicht. Nach einigen Minuten muss ich meine Lage wechseln, weil die Kante der Beinlehne den Füßen das Blut abschnürt. Aus Protest ziehe ich meine Schuhe aus und mische mich olfaktorisch unter die Wartenden.

Der Rest vom kleinen Flughafen ist im Grunde eine Shopping-Mall für Luxus und Designer Waren. Die üblichen Parfums, Fotoapparate, Mobiltelefone, Armbanduhren. Alles glitzert, täuscht Weltgewandtheit und Modernität, vielleicht sogar Kultiviertheit vor. Dieser Korpus an Dingen ist hier mitten ins Herz der Fremdheit eingebaut, mitten zwischen uns Reisende aus allen Windrichtungen gestellt worden, die wir uns hastig anblicken und mustern, Gemeinsamkeiten und Fremdartigkeiten in Sekundenbruchteilen erfassend und dabei frei von der Leber stereotypisierend (ich zumindest). Die Auslagen der Stände und Geschäfte sind eine Art Kristallisationspunkt der internationalen Warenwelt. Diese Dinge begleiten uns auf unseren Wegen quer durch die Welt, von Sydney nach Frankfurt, von Manila nach Washington, von Kinshasa nach Moskau. Genaugenommen begleiten sie uns nicht, also zumindest mich nicht, denn neben mir saß im Flugzeug keine Rolex, sondern eine bayrische Geschäftsfrau mittleren Alters und schweren Akzents, mit ihrer vielleicht achtjährigen Tochter und ihrer Mutter, auf dem Weg über Doha nach Dubai. Nein, auf diese Dinge stoße ich in Doha, hier ein Sammelsurium an portablen Zeichen, welche die Zugehörigkeit zu einer Idee von Elite sichtbar machen, egal an welchem kulturellen, religiösen oder politischen Herdfeuer der Träger sich nach seiner Heimkehr wärmen wird.

Glitzernder Schein: Der Duty Free Bereich eines international riechenden Flughafens irgendwo am Arabischen Golf.
Glitzernder Schein: Der Duty Free Bereich eines
international riechenden Flughafens irgendwo am Persischen Golf.


Der chinesische Handelsreisende neben mir – das sag ich jetzt mal, woher soll ich denn wissen, wer er ist und was er hier macht? Also nochmal: Der chinesische Handelsreisende neben mir auf der Liege dreht sich um und grunzt wohlig dabei, als wolle er damit folgenden Gedanken bekräftigen: Dinge sind wie Worte, können auf etwas außerhalb ihres jeweiligen Kontextes verweisen, machen aber vor allem Sinn und erhalten ihre Bedeutung vor allem in konkreten Situationen und durch den Umgang konkreter Menschen mit ihnen. Ich denke da an Begriffe, die sich loslösen von ihrem Herkunftszusammenhang, aus welchen Gründen auch immer durch Raum und Zeit wandern, und in völlig anderen Orten wieder auftauchen. „Asia in Miniature“ ist ein Beispiel, das James Ferguson in seiner durch und durch lesenswerten Copperbelt Ethnographie des „modernen“ Sambia „Expectations of Modernity“ erwähnt. Diese Worte stehen an einer Hauswand, und nachdem der Ethnograph wochenlang grübelte, was damit gemeint sein könnte, eröffnete ihm ein „Informant“ auf nachfragen, dass jemand diese Worte aus einem Schulbuch abgeschrieben hatte, der gar kein Englisch konnte. Das weitere Bohren Fergusons, was denn diese Botschaft nun zu bedeuten habe, führte also zu der vollkommen folgerichtigen Antwort: Nichts, wirklich. Feldforschung kann so schön sein.

Ich denke in diesem Zusammenhang auch an das „New Viagra Pub“ irgendwo in Daressalam, dessen Namensgebern man durchaus eine sinnstiftende und die Menschen zusammenführende Absicht in ihrer Namenswahl unterstellen kann. Genau weiß ich das aber nicht und vermute, dass auch hier das „weiße Rauschen“ der Kultur am Werk war. Oder was war mit der Aufschrift auf dem selbstgezimmerten Bretterwürfel am Straßenrand, in dem ich mir einst von einem zugedröhnten Bürschlein die Haare scheren ließ: „Thug Life Barber Shop.com“. Die Internetseite habe ich nie gefunden, vielleicht auch nie danach gesucht, wer weiß, aber „dot com“ macht sich in jedem Fall gut. Dann wäre da noch das fahrende soziale Netzwerk, dieser städtische Minibus mit der weißen Heckscheibenaufschrift auf blauem Grund: „facebook“, den ich ständig an mir vorbeidonnern sehe, wenn ich meinen Fotoapparat gerade mal nicht bei der Hand habe. Dabei ist er eigentlich mein Favorit, da er diesem unfassbaren, immateriellen Internetgelöt eine greifbare und darüber hinaus herrlich qualmende und stinkende Materialität schenkt. Facebook, ganz ohne Internetanschluss, einfache Fahrt 300 Schilling.

Was lernen wir daraus? „Sinngebungen über kulturelle Kontexte hinweg sind nicht unbedingt stringend und haben nicht unbedingt etwas mit Vereinheitlichung oder „MacDonaldisierung“ zu tun.“ Sagt wer? Viele sagen das. Und: Manchmal wandern die Zeichen und Bedeutungen auf Umwegen ins Nirgendwo, manchmal geht ihre ursprüngliche Bedeutung unterwegs einfach verloren. Jetzt hätte ich fast mit einer nicht neuen, aber doch hübsch formulierten Konklusion geendet, deswegen schiebe ich noch rasch das hier hinterher: Ich finde das tröstend und durchaus ermutigend, dass nicht immer alle so genau wissen oder erklären können was sie tun. Da mache ich mit.

Freitag, 7. Dezember 2012

Beim durchstöbern des Materials I

Karume Markt in Ilala, Daressalam. Foto (c) 2012 Link Reuben
Foto Link Reuben (c) 2012

Dienstag, 20. November 2012

Man beachte den Eintrittspreis!

Ethnologisches-Caf-Zuerich1

Sonntag, 18. November 2012

Wenn im Herz die Finsternis.

Nachdem gegen 3.30 morgens die drei Hunde im Hof ihr grauenhaftes Geheul endlich eingestellt hatten, krähten gegen 4.30 die ersten Hähne. Um sechs Uhr, kurz vor Sonnenaufgang, entließ das Mädchen aus dem Haus nebenan die Hühner in den Hof, wo sie alsbald ihr übliches Gescharre und Gezetere aufnahmen. Ich blieb einen Moment in meinem klammgeschwitzen Bettlaken liegen, dann holte ich meine müden Knochen unter dem Moskitonetz hervor. Wasser zum Duschen gab es mal wieder nicht, so dass ich nur ein wenig aus dem Eimer über meinen Kopf schöpfte, eine Wäsche „passport size“, wie man hier sagte.

K. holte mich, wie jeden Morgen, mit dem Moped zuhause ab, und setzte mich nach zehn Minuten Fahrt über die steinige Dorfstraße vorne, dort wo der Bus hält, ab. Tausend Schilling bekam er dafür: Alles klar? Alles super. Also dann, bis später - ok, bis später. Eingequetscht im nächsten Minibus machte ich es bis zur Fähre in Kigamboni, wo eine lange Autoschlange auf Überfahrt wartete, und wir Fußgänger uns unter das Wellblechdach drängten, um der morgendlichen Sonne zu entkommen. Für 200 Schillinge kaufte ich ein Papierticket, dass mir nur drei Meter hinter der Verkaufsbude wieder abgenommen wurde. Die schlurfenden Schritte und bunten Tücher der Frauen oder die vom Leben gezeichneten Gesichter der Männer waren für mich längst nicht mehr interessant, so dass ich, statt Leute zu gucken, lieber eine Runde Sudoku (Level 61) auf meinem Mobiltelefon spielte. Dann das metallische Klackern des sich öffnendes Tores. Wie eine Herde Vieh drängten wir uns zum Ausgang, zum Nadelöhr. Auf der anderen Seite die abschüssige Betonrampe zur Fähre „Kigamboni“. Drängeln, Enge, Hupen, Rutschen, rauf auf die Rampe, zusammenpferchen, warten.

Nicht immer so sonnig.Ich mochte diese morgendliche Fahrt über den Hafen. An diesem Tag lag zur einen Seite ein riesiges Schiff namens „Walenius Wilhemsen“, wie ein umgestürztes Hochhaus im schwarzen Wasser. Ich drehte den Kopf und blickte auf die andere Seite in die sich zum indischen Ozean hin öffnende Bucht: nächster Halt Zanzibar. Aufs Wasser starren und an den Münchner Marienplatz denken. Oder an die Fähre zwischen Meersburg und Konstanz. Endweitweg. Eine andere Welt. Am anderen Ufer dagegen: erneutes Gedränge, und wie mir das zum Hals heraushing. Hupende Autos scheuchten uns von der Rampe, über den Beton, durchs Tor hoch zur Straße. Eine Reihe schrottiger Minibusse stand im Stau, dahinter eine weitere Reihe, alle mit laufenden Motoren, eine Bleiwolke stand in der Luft, die Autos und Mopeds von der Fähre trafen auf den Stau, drängten sich irgendwie dazwischen, hupten, die Fußgänger, Radfahrer schoben sich mit rein, die Busleute schrien ihre Fahrtziele in das Chaos, schlugen dabei mit der flachen Hand auf ihre Blechkanister: Guten Morgen Daressalam.

Ich entschloss zu Fuß weiter zu gehen. Das kurze Stück bis zur Post. Neben der Fahrbahn im Strom der Leute, rechts und links nur Staub, Staub, Staub. Die Sonne verbrannte die Haut auf meinem Nacken, der Staub und die Abgase brannten in den Augen und nahmen mir die Luft. An alten Kolonialbauten vorbei, hier waren Ministerien und Ämter untergebracht. Beleibte Herren mit schwarzen Anzügen und einer kleinen Tansanischen Flagge am Sakko kamen mir entgegen. Innerlich verfluchte ich sie, in meinen Augen waren sie es, die für die Ungerechtigkeit, die Hackordnung, das Recht des Stärkeren in diesem Land verantwortlich waren. Geschmiert und gekauft, fettgefressen auf Kosten der anderen, die im Dreck und im Dunkeln saßen und sich von Tag zu Tag irgendwie über Wasser hielten.

Ich bog rechts in die Pamba Street ein. Zerfledderte Bücher, die auf dem Gehsteig verkauft wurden. Wachmänner saßen mit vorkolonialen Schrotflinten auf dreibeinigen Stühlen an den Straßenecken. Ich überquerte den Kreisverkehr beim Askari-Monument und fragte mich, was mich an meiner Straßenecke an diesem Tag erwarten würde. Sicher nichts, was ich nicht schon hundertmal erlebt und notiert hätte. Der Alltag, die Routinen, das Immergleiche, die Geschichten, die Posen, die Sprüche, das Stöhnen, das Jammern, das Grauen. Das Grauen?

Freitag, 14. September 2012

Who the f*ck is Papa Schlumpf?

In meinem Traum bin ich in einer Kunstgalerie und stehe vor einem Gemälde von Salvador Dalì auf dem irgendetwas zerfließt. Dankenswerter Weise erhalte ich eine fachkundige Erklärung zu Farbwahl, Perspektive und kunstgeschichtlicher Bedeutung eben dieses Gemäldes, und zwar von niemand geringerem als Papa Schlumpf, der sich klugscheissernd zwischen mich und das Gemälde geschoben hat. Ich erwache und hänge kurz dem Gedanken über meine derzeitige psychische Verfassung nach, der aber schnell von einem mittelschweren Kulturschock beiseite geschoben wird. Über mir erblicke ich Wellblech, und über die Lehmwand meiner Kammer hinweg höre ich die Stimmen von gefühlten 34 Kindern und einigen Erwachsenen, die sich, in ihrer lokalen Stammessprache Kisambaa schnatternd, über ihren morgendlichen Tee hermachen.

Erwachen unter Wellblech: Who the f***ck is Papa Schlumpf?Durch das kleine Dorf Bombo Majimoto in den nördlichen Usambara-Bergen fließt so gut wie kein Geld. Die Menschen leben von Mais- und Reisanbau, halten sich einige Ziegen, Schafe und Hühner. Sie bauen keine cash crops an, also Agrarprodukte, die sich gewinnbringend verkaufen ließen. „Wenn einer bei uns krank wird, bitten wir einen Verwandten in der Stadt uns Geld zu schicken,“ sagt mein Gastgeber. Dabei geht es dann um Beträge von zwei oder drei Euro, die über Genesung oder Leid entscheiden. Gemeinsam besuchen wir seinen Onkel, der in einer kleinen Hütte auf einem der umliegenden Hügel lebt. Er wird langsam blind. Seine Kinder sind bis auf eines gestorben, und sein verbleibender Sohn, selber weit über vierzig Jahre, schafft es gerade so, ihm in harten Zeiten einen Teller Reis vorbeizubringen. Während wir vor seinem Haus sitzen zähle ich die Ziegen, die an den Pfosten des Vordaches angebunden stehen. Ich komme auf sechs ausgewachsene Tiere und zwei Zicklein. Weiter besitzt dieser Mann nichts.

Ein Zicklien muss tun, was ein Zicklein eben tun mussAm späten Nachmittag kommen wir zurück ins Dorf. Die Hütten sind genauso rotbraun wie der Boden, wen wundert´s, sind sie doch aus ebendiesem Lehm gebaut. Vor einigen dieser Hütten sitzen jetzt Frauen und Kinder, die die Körner von Maiskolben pulen und auf einen Haufen werfen. Später wird das zu Mehl gestampft und anschließend zu Ugali, dem typisch ostafrikanischen Bauchfüller verkocht. Dazu gibt es Bohnen und ein bisschen Blattgemüse. Den Mais bauen sie selber an, frühmorgens mit der Hacke auf dem Feld. Man verdient sich im Wortsinne seine Mahlzeit durch harte Arbeit. Die Leute essen das, was sie angebaut haben. Punkt. Ganz sicher könnte ich hier keine Woche überleben.

Am nächsten Morgen treten sämtliche Kinder des Haushalts an (ich zähle 9) um ihre Dosis Wurmkur einzunehmen. Ich habe Medikamente aus der Stadt mitgebracht. Anschließend spielen wir ein bisschen auf-der-Matte-herumsitzen-und-den-Weißen-begaffen, ein besonders schönes Spiel. Ich denke, in Deutschland werde ich aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit bald an Persönlichkeitsschwund erkranken. Der älteste Sohn trägt ein T-Shirt auf dessen Vorderseite „Imam Hussein (A.S.) hat den Islam gerettet“ steht, auf der Rückseite „Warum hat man Imam Hussein (A.S.) umgebracht?“. Mir entgeht die Bedeutung dieser Botschaft, aber nicht die Tatsache, dass, nach Schelte der Mutter sich zu waschen und die Kleider zu wechseln, der jüngere Bruder mit eben jenem T-Shirt herumläuft.

Die Dorfjugend rockt - und ich rocke mitAls ich nach einigen Tagen aufbreche, verabschiede ich mich nicht, so, wie man mir geraten hatte. Es gäbe zu viel Glauben an Hexerei und so, da sei es besser, die Leute wüssten nicht, wann ich mich wo auf den Weg mache. Also mache ich kein Trara aus meinem Aufbruch, sondern sage schlicht, ich fahre mal eben in die nächste Ortschaft. Bis später also Leute. Ein Bruder oder Schwager fährt mich mit dem Moped stundenlang durch die Bergdörfer bis in die nächste Stadt. Am Abend des nächsten Tages komme ich in Daressalam an. Oh stinkender Großstadtmoloch, du hast mich wieder.

Sonntag, 2. September 2012

Eine Brücke in die Mega-Moderne?

Mitten durch das Stadtzentrum führt die Uhuru Street, Straße der Freiheit. Sie verbindet den Central Business District und den Hafen mit dem überlaufenen Marktviertel Kariakoo. Über diese Schlagader des Stadtverkehrs quälen sich tagtäglich tausende von LKWs, Bussen und Autos. Dabei humpeln sie durch Schlaglöcher so groß wie IKEA-Auslegeteppiche und über Streckenabschnitte, auf denen der Asphalt völlig aufgegeben und sich im wahren Sinne des Wortes verkrümelt und aus dem Staub gemacht hat. Offenbar fehlen der Stadt die paar Tausend Dollar um die Strecke in einen Zustand zu versetzen, der ihrer zentralen Bedeutung für den Stadtverkehr entsprechen würde. Nun, nicht weiter verwunderlich, schließlich sind wir in Daressalam, wo zwar jeder noch so unwichtige Ministerialbeamte einen brandneuen Toyota Landrover inklusive Fahrer spendiert bekommt, die Mehrzahl der Bevölkerung dagegen aber weder Strom noch fließend Wasser hat. Wieso also die Straßen asphaltieren.

Aufs Bild klicken um zum Video zu gelangen!
Ein Rausch des "High Modernism": Die "Neue Stadt"
(Klick auf´s Bild um zum Video zu gelangen)


Gleichzeitig, und das erstaunt zutiefst, wird hier der große, der ganz große, schier megalomane Traum geträumt: Von der hypermodernen „Neuen Stadt“. Mit Wolkenkratzern, Internationalen Firmenzentralen, Villenvierteln und Eliteuniversitäten, Hochgeschwindigkeits-Zügen und Öko-Parks. Nicht kleckern, klotzen ist die Devise. Das ganze nicht entlang der Uhuru Street, klar, sondern drüben, auf der anderen Seite der Hafenbucht, in Kigamboni. Um dorthin zu gelangen, muss man derzeit noch eine der beiden Fähren besteigen, die vom Stadtzentrum aus übersetzen. Das raubt Zeit und nervt manchmal. Und das ist vermutlich der Grund dafür, warum die andere Seite nur dünn besiedelt und kaum infrastrukturell erschlossen ist. Nach der Überfahrt erwartet einen ein dicht gedrängter Markt am Fährhafen, dann ein mittelgroßer Busbahnhof, von dem aus Minibusse über die zwei langen Landstraßen ins Hinterland fahren, an Palmen und Lehmhäusern vorbei, den Ozean immer im Blick, Kühe und Ziegen im Gebüsch, ländliches Tansania, Ruhe. Das soll bald anders werden.

Der Plan für „Mji Mpya“, die „Neue Stadt“, steht. Die Regierung ist fest entschlossen das „neue“ Daressalam zu kreieren, eine schicke und trendy Metropole, weitläufig angelegt, infrastrukturell von vorne bis hinten durchgeplant. Und zwar genau hier, wo ich im Moment sitze und mit den Fingern über die Tastatur klicker und klacker, in Kigamboni. Zunächst sollen wir angebunden werden an den Central Business District, durch drei Brücken und einen Tunnel unter dem Hafen durch. Überquert man die Hauptbrücke, soll man von einer Reihe von Wolkenkratzern entlang einer großzügig angelegten Allee des Atems beraubt werden. Dahinter luxuriöse Wohnanlagen, eine komplett verspiegelte Super-Universität. Ein Geschäftsviertel mit glänzenden Wolkenkratzern soll die Wirtschaft im ganzen Land ankurbeln. Ein Tourismus-Areal lockt mit teuren Hotels und mondänen Yachthäfen. Ein rundum beeindruckendes und ambitioniertes Großprojekt soll das also werden.

Kigamboni, vorher...
Palmen, Lehmhäuser, und der Ozean immer im Blick: Kigamboni heute

Auf der Straße spricht man mit Stolz von der neuen Stadt dort drüben. Ab 2014 soll mit dem Bau der Brücken begonnen werden. Über sie soll man hinüber gelangen in die absolute Supermoderne, in das Traumland, das moderne Tansania, in dem man so lebt, wie man es aus dem Fernseher und seinen Filmen kennt, so wie in Amerika oder Europa. Bezahlen sollen das angeblich die USA. George W. Busch hat, so die Flüsterpost der Straße, große Landstriche an der Küste rund um Dar aufgekauft. Ich frage mich welches Interesse die Vereinigten Staaten oder Bush daran haben sollte, den Tansaniern eine neue Superstadt zu spendieren? Ach so, es wurden ja Öl und Gas gefunden vor der Küste Tansanias. Vielleicht ist ja das der Grund für die innige Freundschaft zwischen George W. und dem Tansanischen Präsidenten, und für den Landbesitz des zu warm gebadeten Amerikaners hier in Ostafrika.

Ansehen kann ich mir den Traum jetzt als Image Video. Während ich das tue denke ich an die 3,5 Millionen Menschen in Dar, von denen der größte Teil von der Hand in den Mund lebt, ohne solide Ausbildung, feste Beschäftigung oder Krankenversicherung, auf sich selbst gestellt und von einer Regierung verlassen, der es in erster Linie darum geht, dass die Staatsdiener tolle Autos fahren und ihre Verwandten alle Jobs im Ministerium bekommen. So bekommt ein Parlamentarier pro Parlamentssitzung umgerechnet 100 Euro Zuschlag zu seinem Gehalt, weil er so einen schweren Job mit so viel Verantwortung hat. Die 390 Millionen USD, die Tansania im Fiskaljahr 2008/2009 für solche „sitting allowances“ ausgegeben hat, entsprechen dem Einkommen von 109.000 Lehrer, ein Jahr lang. Ein Lehrer verdient großzügige 75 Euro im Monat. Das ist selbst hier zu wenig für ein Leben, das ein wenig Planung und Hoffnung für die Zukunft zulässt. Mehr kann oder will die Regierung also für die Kinder und deren Zukunft nicht ausgeben. Wo bitte soll dann das Geld herkommen, für die Eliteuni und ihre Elite-Wissenschaftler? Für die Wolkenkratzer und die Stadtparks? Und wer soll in den Luxus-Villen wohnen, der Lehrer und seine Familie? Oder einer meiner Schuhverkäufer-Freunde? Und auch frage ich mich, was eigentlich mit den Leuten passieren soll, die jetzt schon hier leben, sicher einige Tausend, die hier ihre Häuser gebaut und Felder bestellt haben? Sicher werden sie großzügig entschädigt, da bin ich mir ganz sicher. Vielleicht schenkt Bush ja jedem Vertriebenen eine Baseball-Kappe mit Texas-Logo.

...und nachher.
Überzogener Glaube an die Moderne? Kigamboni in der Zukunft

James Scott bezeichnete in seinem Buch „Seeing like a State“ eine modernistische Ideologie, wie sie hier zugrunde liegt, als „high modernism“: Aus dem Selbstvertrauen des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, der Unterwerfung der Natur, aus der Idee, die soziale Ordnung könne rational durchstrukturiert werden, erwächst der überzogene Glaube an die Überlegenheit der rationalen Moderne. Solche Pläne, von Staaten „top down“ ihren Gesellschaften aufgezwungen, müssten aber scheitern, wenn sie die tatsächlichen Merkmale der funktionierenden sozialen Ordnung missachteten. Wenn die Führungseliten also nicht bedenken, wie ihre Bevölkerung tatsächlich lebt, in welchem Zustand die Gesellschaft ist, an welchen Ecken es fehlt, was alles nicht funktioniert. Als Beispiele nimmt Scott die Kollektivierung in Russland, die Kulturrevolution in China, die Zwangsumsiedlung im Tansania der sozialistischen Nyerere-Ära. Diese super-formalen Pläne standen in krassem Widerspruch zu den tatsächlichen, informellen, also nur wenig strukturierten, geplanten und staatlich kontrollierbaren Gegebenheiten, und mussten deshalb scheitern.

Vielleicht geht es aber auch um etwas anderes. Lauschen wir der Stimme aus dem Image-Video: „We will create a harmonious skyline, containing high rise, medium storey, and low rise buildings, presenting an advanced city image.“ (6:58) Ein „Image“ soll also kreiert werden, von einer „fortschrittlichen“ Stadt. Sieht schick aus euer Filmchen. Wie auch immer. Ich wünsche der Regierung von Herzen alles Gute bei ihren Plänen, und wünsche meinen Freunden und auch allen Tansaniern, die ich (noch) nicht kenne, ebenfalls ehrlich und von Herzen, ihre „neue“, ihre gesunde, aufgeräumte, funktionierende Stadt, mit allem drum und dran. Zum Beispiel mit funktionierenden Schulen, regelmäßig bezahlten und respektierten Lehrern; Krankenhäusern in denen außer Malaria auch andere Krankheiten diagnostiziert und behandelt werden können; geordnete Wohnverhältnisse, mit fließend Wasser in den Häusern, Stromanschluss für jedes Haus, durch den dann auch tatsächlich Strom fließt; Straßen, die nicht von einer stinkenden Blechlawine verstopft sind, die, oh Luxus!, von richtigen Fußgängerwegen gesäumt sind, auf denen man sogar eventuell mal die Kinder zu einem Spaziergang mitnehmen könnte. Träumt euren Traum. Aber im echten Leben: Vielleicht fangt ihr besser mit einem kleinen Schritt an, zum Beispiel erstmal die Uhuru Street zu asphaltieren. Oder habt ihr die „alte Stadt“ und ihre Bewohner schon aufgegeben?

Samstag, 18. August 2012

Zeit zu gehen

Die Unterhaltung wird kurz unterbrochen als M. die Schuhbürste weiterreicht an O., der fegt damit behände über das schwarze Obermaterial, sei es nun echtes Leder oder echtes Plastik, und bringt seinen Schuh so auf Hochglanz. Es geht weiter im Gespräch, eher ein Disput, ob Kinder denn nun dem Mann zuzusprechen seien oder nicht, wenn der Mann noch nicht mit der Frau verheiratet ist. Das islamische Gesetz sagt nein, das staatliche Gesetz aber ja. Beispiele aus dem Herkunftsdorf werden herangeführt. A. kommt dazu und steigt lauthals mit ein, jeder hier im Hinterhof hat eine Meinung dazu, eine Erfahrung aus der eigenen Familie oder Vergangenheit. Ich dagegen habe nur meinen Notizblock und meine Neugier. A. übertönt die anderen und schüttelt sich dabei am ganzen Körper um seinen Argumenten den erwünschten Nachdruck zu verleihen. Er erinnert mich an ein Bäumchen in einem Sturm. Sein Zeigefinger schnellt nach vorne und sein Rücken beugt sich tief, dann springt er auf und reckt die Faust in die Höhe, dreht sich dabei energisch von einer Seite zur anderen, damit auch ja alle seine wunderschöne Meinung zu dem Thema erfahren. Ich muss lachen, ich mag ihn wirklich gerne, diesen Spinner.

Eine schwarze Tüte mit Schuhbürsten, kleinen Dosen Schuhcreme und einigen abgefransten Rasierpinseln zum Auftragen der Schuhcreme liegt auf dem Treppenabsatz. Wem genau sie und ihr Inhalt gehört kann ich nicht sagen. Immer wieder bedient sich jemand daraus. Ich sitze auf den unteren Stufen auf einem kleinen Holzschemel, wie so oft. Ein Beinchen des Schemels ist bereits abgebrochen, das war vor einigen Monaten noch nicht so. Ich stütze ihn also am amputierten Ende auf eine Stufe, und schwanke so, Notizblock auf den Knien balancierend, über meine Beobachtungen hin und her. J. stopft seine Schuhe mit „bonye“ aus, zusammengeknüllten Plastiktüten die er aus der Holzkiste entnimmt, auf der „mwilijo“ gekrakelt steht. Das ist der Name eines „ukoo“, einer matrilinearen Verwandtschaftsgruppe, man könnte auch sagen, einer Großfamilie. A. hat die Kiste damit verziert, es ist seine Herkunftsgruppe im Dorf Miungo, in dem er geboren wurde. Auf einer anderen Kiste steht „dume la mbwa“, ein männlicher Hund, die Bedeutung der Aufschrift entgeht mir aber, man muss ja nicht alles verstehen. Die Kisten stammen ursprünglich aus der Tansanischen Nationalbank, wenn sie ausgemustert werden sammeln sie ein paar Schlauberger ein und verkaufen sie für umgerechnet einen Euro auf der Straße. Ob da früher einmal Millionen und Abermillionen von Tansanischen Schillingen drin gelagert wurden? Weiß ich auch nicht.

Ob da mal Millionen von Tansanischen Schillingen drinnen waren?Die ersten verlassen die Diskussionsrunde, stecken die gemeinsam benutzten Werkzeuge zurück in die Tüte und stellen ihre Schuhe auf der Straße auf. Ich gehe mit vor und setze mich mit A. auf einen der viereckigen Betonkübeln am Straßenrand, in denen wohl mal Blumen wachsen sollten, die man aber stattdessen mit ihrer undefinierten staubigen Füllung und ohne Blumen dem ergrauenden Schicksal der Stadt überlassen hat. Es ist bereits halb zwölf vormittags, und A. eröffnet mir, dass es sich nicht mehr lohnen würde für ihn, jetzt in Rotation zu gehen. Er geht wie jeden Tag kurz vor eins in die Moschee, gemeinsam mit H. und M., zum Mittagsgebet. Später dann wieder um vier Uhr nachmittags. Diese Zeiten geben vor, wann er Schuhe verkaufen kann und wann er sich vor seinem Gott verneigt.

Nach dem Gebet gehen wir in die Straßen, gleich zu Beginn kommt uns eine Frau entgegen. Ihr Blick haftet einen Bruchteil einer Sekunde zu lange an einem der Schuhe, die an A.´s Arm baumeln. Blitzartig reißt A. seine Schritte herum und stürzt in der entgegengesetzten Richtung der Frau hinterher, holt sie ein und beginnt auf sie einzureden. Er klinkt sich dabei in ihr Schritttempo ein und beobachtet ihre Augen. Sie bleiben stehen und die Frau fasst den Schuh an, fragt nach dem Preis und bekommt erwidert, dass sie doch erstmal sehen solle, wie gut der Schuh an ihrem Fuß aussieht. A. verkauft ihn und macht 1 Euro Gewinn, „zum Essen“, wie er sagt. Er ist zufrieden. Es ist ein Montag, der schwerste Tag der Woche für den Straßenhandel, da die Leute nach dem Wochenende nicht gewillt sind Geld auszugeben, wie man mir erklärt hat. So ab Donnerstag wird es besser. Noch dazu ist es die letzte Woche vor Iddi Mossi, dem Ende des Fastenmonats Ramadan, eine harte Zeit für die Straßenhändler. „Nyama ngumu, haitafuniki“ sagen sie, zähes Fleisch, das sich nicht zerkauen lässt. Viele der Straßenhändler selbst fasten auch, nicht ein Schluck Wasser geht über ihre Lippen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Iddi Mossi wird heiß ersehnt, aber Geld für Reis und ein bisschen Fleisch für den traditionellen Pilau muss erst einmal verdient werden.

Er fragt mich, ob ich eigentlich mit nach Miungo komme, wenn die Erntezeit für Cashew-Nüsse im September beginnt. Viele der Schuhverkäufer an unserem Maskani werden dann in ihre Heimatdörfer im Süden des Landes fahren, um den Eltern bei der Ernte zu helfen und um Waren aus Daressalam im Dorf zu verkaufen. Die Erntezeit ist die einzige Zeit, wenn die Menschen im Dorf Geld in der Tasche haben, eine gute Gelegenheit also ihnen gebrauchte Kleider aus der Stadt zu bringen. Der Maskani wird dann etwas weniger bevölkert sein, so wie ich das letztes Jahr erlebt habe. Einige bleiben zwei oder drei Wochen, manche einige Monate. Anschließend nehmen sie wieder ihr Leben in der Stadt auf.

Endsungeil: in Tansanische Stadtbusse einsteigen. Foto (c) Link Reuben 2011Nach der zweiten Gebetszeit des Nachmittags gehen wir zu „Mariedo“, einer Straßenecke an der zentralen Bushaltestelle „Posta“, wo sich einige der Jungs jeden Nachmittag niederlassen um ihre Schuhe auszulegen. Hunderte von Menschen strömen nun vorbei, die ihre Büros verlassen haben und sich nun mit den elend überfüllten Dreckschleudern von Minibussen auf den Weg in ihre Wohnviertel außerhalb des Zentrums machen. Mittags können A. und seine Kollegen hier nicht „lauern“, da sie der private Wachmann des anschließenden Business-Komplexes dann grundsätzlich vertreibt. Nachtmittags ist er entspannter, vielleicht einfach auch nur zu faul um ständig mahnend auf und ab zu stolzieren, mit tiefschwarzer Uniform, Schulterklappen und Dienstmütze eine Karikatur seiner selbst. Wir alle sind platt von dem langen Fußweg durch die Stadt, sitzen wortlos auf dem staubig-warmen Asphalt und lehnen mit dem Rücken an die Wand eines 20-stöckigen Hochhauses. Ich recke den Kopf nach hinten und sehe an der gekachelten Wand entlang nach oben in den Himmel. Ein Flugzeug wird von einer strahlend weißen Wolke verschluckt.

Gegen halb sechs erhebt sich A., er will zurück zum Maskani um seine Schuhe wieder in der Holzkiste einzulagern, bis morgen wieder alles von vorne beginnt. Er will nicht zu spät kommen. Wenn um halb sieben der Muezzin zuhause in Mbagala ruft, will er gemeinsam mit seiner Familie auf einer Matte vor dem Haus sitzen, um mit dem heutigen Fasten zu brechen.

Neues von der Strassenecke.

Und was sonst so ist.

karibu!

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