Einheimischgehen
Schwer zu sagen, wie schockiert er gewesen sein mag, der heilige Ambrosius. 387 fand er sich eines Samstags in Mailand an voll gedecktem Tische, während seine Gebetsbrüder im heimischen Rom üblicherweise samstags fasteten. Schwamm drüber, dachte sich der Kirchenvater, „cum Romanum venio, ieiuno Sabbato, cum hic sum, non ieiuno“. Klug hat er das gesagt, so klug, dass Barbra Streisand sich 1964 sein programmatisches Diktum auslieh und das mittlerweile auch schon wieder vergessene „When in Rome, I do as the romans do“ trällerte. Die Bangels übernahmen 1987 das Thema dann irgendwie in „Walk like an Egyptian“, brachen es so auf das Niveau der allgemeinen Knalloballo-Kultur herunter.
Manche sagen ja „Kultur“ wenn sie an Musik, Theater oder Literatur denken. Andere sagen, die Amerikaner zum Beispiel hätten gar keine, sondern nur große Autos, schlechte Ernährung und diese bunten Fähnchen überall. Wenn man dann genauer darüber nachdenkt stellt man fest, dass man gar nicht genau sagen kann, was denn Kultur nun sein soll. Ist es das, was wir Essen nicht genauso wie das, was wir mit Hilfe von Sprache hervorbringen? Und unsere ästhetischen Urteile bezüglich Kleidung, Wohnungseinrichtungen, Frisuren, sind das nicht auch kulturelle Erscheinungen, die zum Beispiel schon zwischen München und Konstanz unterschiedlich ausfallen? So viele alltäglichen Handlungsabläufe vollziehen wir völlig unreflektiert. Und erst wenn man sich aus der eigenkulturellen Perwoll-Komfortzone einmal herauswagt und in fremde Gefilde begibt, merkt man, was da alles skriptartig abgespult und niemals hinterfragt wird. Irgendwie ist alles, was Menschen machen, doch kulturell, und das eben überall ein bisschen anders, wie der Ethnologe bestätigen kann.
Wenn Kultur nicht in solchen Manifestationen wie Theaterstücken und dicken Schmökern vorliegt, kann man sie auch als eine Art „zweite Umwelt“ verstehen, eine Art Schnittstelle, mit dem der Einzelne an seine soziale und natürliche Umwelt andockt. Dieses Schnittstelle ist uns in großen Teilen gar nicht bewusst, sondern wächst mit uns, während wir in unsere soziale Umwelt hineinwurzeln.
Es ist dann gar nicht so leicht, diese unterbewussten Skripte zu überwinden, wenn man versucht, sich in eine andere „Kultur“ einzufinden. Es dauert seine Zeit. Man muss die eigenen Vorannahmen, die meist eben unbewusst sind, auf die Seite schieben, und versuchen, die Vorannahmen der Leute um einen herum so weit wie möglich zu verstehen. Das ist nicht zuletzt der Grund, warum Ethnologen bei ihren Forschungen so lange Zeit vor Ort bleiben. Angefangen bei körperlichen Routinen. Wie oft bin ich in Dar in Leute reingelaufen, die mir auf der Straße entgegenkamen (ein rhetorische Frage)? In Deutschland gehen wir rechts aneinander vorbei, das mag dem Rechtsverkehr unserer Straßen geschuldet sein. In Dar jedenfalls zielt man auf die linke Seite seines Entgegenkommers.
Das ist aber nicht gemeint mit dem Begriff "going native". Gemeint ist damit eine ethnographische Pathologie: Feldforscher, die sich in ihrer Gastgesellschaft irgendwann mehr zuhause fühlen, als dort, wo sie einst hergekommen sind.
Lange Zeit saß ich an der Straßenecke und habe nicht verstanden, nicht verstanden was die Leute reden, was die Leute machen, warum sie lachen, wenn ich versuche etwas geistreiches von mir zu geben. Mittlerweile ist das anders. Ich bin über mich selbst erstaunt, wie selbstverständlich ich mich in der Straße bewege, Dinge intuitiv verstehe, die mir zu Beginn meiner Zeit ein Rätsel waren. Die Kunst der Ethnographie ist ja letztlich das, was nun für mich selbstverständlich geworden ist, wieder zu entblättern. Und Dinge, die man nicht reflektiert ganz explizit in allen Einzelheiten auszubuchstabieren ist keine leichte Aufgabe.
Aber soweit bin ich noch nicht. Nun bin ich erst mal zurück im Ländle, jawohl, Konschdanz hat mich wieder. Also laufe ich nun auf der anderen Seite in die Leute rein. Verzeiht, liebe Konschdanzer, ich weiß nicht ob ich hier zu Besuch bin, oder ob ich hier zuhause bin, oder wo ich denn nun hingehöre. Mein Koffer steht jedenfalls noch mehr oder weniger unausgepackt in meinem Zimmer.
Manche sagen ja „Kultur“ wenn sie an Musik, Theater oder Literatur denken. Andere sagen, die Amerikaner zum Beispiel hätten gar keine, sondern nur große Autos, schlechte Ernährung und diese bunten Fähnchen überall. Wenn man dann genauer darüber nachdenkt stellt man fest, dass man gar nicht genau sagen kann, was denn Kultur nun sein soll. Ist es das, was wir Essen nicht genauso wie das, was wir mit Hilfe von Sprache hervorbringen? Und unsere ästhetischen Urteile bezüglich Kleidung, Wohnungseinrichtungen, Frisuren, sind das nicht auch kulturelle Erscheinungen, die zum Beispiel schon zwischen München und Konstanz unterschiedlich ausfallen? So viele alltäglichen Handlungsabläufe vollziehen wir völlig unreflektiert. Und erst wenn man sich aus der eigenkulturellen Perwoll-Komfortzone einmal herauswagt und in fremde Gefilde begibt, merkt man, was da alles skriptartig abgespult und niemals hinterfragt wird. Irgendwie ist alles, was Menschen machen, doch kulturell, und das eben überall ein bisschen anders, wie der Ethnologe bestätigen kann.
Wenn Kultur nicht in solchen Manifestationen wie Theaterstücken und dicken Schmökern vorliegt, kann man sie auch als eine Art „zweite Umwelt“ verstehen, eine Art Schnittstelle, mit dem der Einzelne an seine soziale und natürliche Umwelt andockt. Dieses Schnittstelle ist uns in großen Teilen gar nicht bewusst, sondern wächst mit uns, während wir in unsere soziale Umwelt hineinwurzeln.
Es ist dann gar nicht so leicht, diese unterbewussten Skripte zu überwinden, wenn man versucht, sich in eine andere „Kultur“ einzufinden. Es dauert seine Zeit. Man muss die eigenen Vorannahmen, die meist eben unbewusst sind, auf die Seite schieben, und versuchen, die Vorannahmen der Leute um einen herum so weit wie möglich zu verstehen. Das ist nicht zuletzt der Grund, warum Ethnologen bei ihren Forschungen so lange Zeit vor Ort bleiben. Angefangen bei körperlichen Routinen. Wie oft bin ich in Dar in Leute reingelaufen, die mir auf der Straße entgegenkamen (ein rhetorische Frage)? In Deutschland gehen wir rechts aneinander vorbei, das mag dem Rechtsverkehr unserer Straßen geschuldet sein. In Dar jedenfalls zielt man auf die linke Seite seines Entgegenkommers.
Das ist aber nicht gemeint mit dem Begriff "going native". Gemeint ist damit eine ethnographische Pathologie: Feldforscher, die sich in ihrer Gastgesellschaft irgendwann mehr zuhause fühlen, als dort, wo sie einst hergekommen sind.
Lange Zeit saß ich an der Straßenecke und habe nicht verstanden, nicht verstanden was die Leute reden, was die Leute machen, warum sie lachen, wenn ich versuche etwas geistreiches von mir zu geben. Mittlerweile ist das anders. Ich bin über mich selbst erstaunt, wie selbstverständlich ich mich in der Straße bewege, Dinge intuitiv verstehe, die mir zu Beginn meiner Zeit ein Rätsel waren. Die Kunst der Ethnographie ist ja letztlich das, was nun für mich selbstverständlich geworden ist, wieder zu entblättern. Und Dinge, die man nicht reflektiert ganz explizit in allen Einzelheiten auszubuchstabieren ist keine leichte Aufgabe.
Aber soweit bin ich noch nicht. Nun bin ich erst mal zurück im Ländle, jawohl, Konschdanz hat mich wieder. Also laufe ich nun auf der anderen Seite in die Leute rein. Verzeiht, liebe Konschdanzer, ich weiß nicht ob ich hier zu Besuch bin, oder ob ich hier zuhause bin, oder wo ich denn nun hingehöre. Mein Koffer steht jedenfalls noch mehr oder weniger unausgepackt in meinem Zimmer.
lekke - 4. Mai, 10:19









„Mist, jetzt haben wir vergessen Wasser zu kaufen,“ sagt C., als wir gerade aus dem dünn besiedelten Chamazi am Rande der Stadt in den Busch laufen, um die kleine Scholle zu suchen, die er und sein Cousin M. gemeinsam von ihrer Tante gekauft haben. Vor uns tut sich eine sanfte und grüne Hügellandschaft auf, und ich bereue nicht, die Einladung angenommen zu haben, die beiden zu ihrem Zukunfts-Hoffnungs-Ort zu begleiten. Das mit dem Wasser nehme ich nicht so ernst, ich prahle noch mit meiner vortrefflichen körperlichen Konstitution, was ich später kleinlaut und unter mitleidigem Schulterklopfen revidieren werde. Wir überqueren eine Senke um auf der anderen Seite das besagte Stück Land zu finden. Ihre Tante begleitet uns. Ihr Ehemann war der Besitzer und Verwalter des Landes, und hatte bereits einige Parzellen verkauft, bevor er letzten Dezember starb. Als wir ankommen torkelt sie zunächst wie betrunken durch die Hitze, bis sie sich schließlich im Schatten eines Baumes auf die verbrannte Erde wirft und vor Kummer und Schmerz schreit. Dieser einfache Acker weckt Erinnerungen in ihr, an ein gemeinsames Leben mit ihrem Mann, das erst vor so kurzer Zeit endete. Etwas unbeholfen stehen wir drei um sie herum, bis M. sie schließlich bittet, sich nicht in den Dreck zu legen, es gebe ziemlich viel garstiges Ungeziefer.
„Abdullah hat ein Stück von der Palme dort drüben bis zu dem Yamsbusch dort, und von dem Lehmbrocken auf der anderen Seite bis zum Wasser unten. Das heißt auf der anderen Seite ist das Stück von Patrick, und dahinter dann unseres, ungefähr bis zu dem Mangobaum da hinten.“ Das ganze sind dann etwa 30 auf 60 Fuß, und unser Maßband ist in Metern geeicht. Wasser haben wir wie gesagt keines, dafür knapp 40 Grad im Schatten, nur dass es eben keinen Schatten gibt. Ein lustiger Nachmittag steht uns bevor.
Hoffnung lauert jedoch unten am Bach. Nachdem die eigentliche Arbeit vollbracht ist, werfen C. und M. sich ihre Hacken über die Schulter und lassen ihre Tante und mich Weichei unter einem Baum zurück. Nach wenigen Minuten kommen sie grinsend mit etwas wieder, was für mich wie Bambus aussieht. Nachdem wir aber mühsam mit den Zähnen die harte Rinde abgenagt haben gibt das zuckrig-kristalline Mark den süßen Geschmack von Wassermelone und vor allem etwas Flüssigkeit preis. Ich kann mich gerade noch zurückhalten den beiden heulend um den Hals zu fallen. Das Zuckerrohr hacken sie in etwas handlichere Stücke und verschnüren es mit der abgezogenen Rinde eines Baums für den Heimtransport. Ich staune über die beiden von neuem. Sind halt doch echte „Naturburschen“, Jungs vom Land, vom Dorf. Die Sonne und die körperliche Arbeit machen ihnen nicht die Bohne aus.
J. war keiner von den Schuhverkäufern. Er hat mit zwei anderen Jungs einen kleinen „Buchladen“ betrieben, genaugenommen ein Stahlgitter, das mit gebrauchten Büchern vollbeladen war. Wenn sie Glück hatten, die drei, kam ein Schüler oder Student vorbei, und hat ihnen ein Geschichtsbuch oder einen Atlas abgekauft. 