Donnerstag, 8. Dezember 2011

Schlechte Nachrichten

Am ersten Tag, als ich an „meiner“ Straßenecke ankam, hat er mich bereits darauf angesprochen: Meine Turnschuhe, die findet er cool. Ich soll sie ihm überlassen, wenn ich nach Deutschland zurückgehe. Ich hab ihm spontan zugesagt, dass kein anderer als er sie bekommen soll.

JJ. war keiner von den Schuhverkäufern. Er hat mit zwei anderen Jungs einen kleinen „Buchladen“ betrieben, genaugenommen ein Stahlgitter, das mit gebrauchten Büchern vollbeladen war. Wenn sie Glück hatten, die drei, kam ein Schüler oder Student vorbei, und hat ihnen ein Geschichtsbuch oder einen Atlas abgekauft.

Von J. konnte ich mir nie ein genaues Bild machen. Er erschien mir wie ein harter Brocken, undurchdringlich. Hochgewachsen und schlacksig. Hat damit angegeben, dass er nie Bier, sondern immer nur harten Alk trinkt, selbstgebrannten Schnaps und so etwas. Wir haben uns nur langsam angenähert. Aber am letzten Tag habe ich mein Versprechen eingelöst, und ihm meine frisch gewaschenen und gebürsteten Adidas Marathon II übergeben. Er hat sie sofort angezogen und wahrscheinlich nie wieder abgelegt.

Soeben rief mich mein Freund A. an, und erzählte mir, dass J. letzte Woche gestorben ist. Er sei nachts von einem Auto überfahren worden, als er, vermutlich ziemlich stramm, aus einer Bar kam. Die Vorstellung, dass er meine Turnschuhe anhatte, als er seinem Schöpfer gegenübertrat, treibt mir die Tränen in die Augen.

Ruhe in Frieden J., du harte Nuss.

Dienstag, 22. November 2011

Work in progress

S: [Ich habe ihnen gesagt:] Leute, so wie jetzt sitzen wir hier schon seit langer Zeit. Das Leben ist nicht besser geworden. Oder? Und jeder Einzelne hier sucht sich sein eigenes kleines Geschäft.

Das worum ich bitte, ist, dass wir ein gemeinsames Konto eröffnen. Das heißt, wir so wie wir sind, als Gruppe. Wir eröffnen das, und dann wenn wir Geld einnehmen, legen wir es auf die Bank. Weil das könnte uns auch helfen zum Beispiel einmal einen Kredit zu bekommen.[…]
Aus dem Grund, dass später, nach einigen Jahren, jeder Einzelne von uns ein gutes Kapital hätte. Wenn wir jetzt gleich gehen und uns so zusammenschließen.

An diesem Tag haben nur wenige gesagt „in Ordnung“. Die meisten haben einfach nicht geantwortet. Wir hatten ausgemacht, dass sie an einem anderen Tag ihre Entscheidung geben sollten, am Samstag.

AM: Das heißt an diesem Tag seid ihr zusammengesessen aber ohne…

S: … ohne eine Antwort zu bekommen. Aber einige wenige haben die Sache unterstützt. Zum Beispiel C., M. hat es unterstützt, wer noch, S. hat es unterstützt […] Wir waren vielleicht fünf Leute die dafür waren. An diesem Tag. Aber andere, es blieb die Frage offen, also, das heißt, es war nicht klar ob sie zustimmen würden oder was. Wir mussten auf jenen Samstag warten. Als Samstag kam, habe ich sie wieder daran erinnert.

Dort, Mann, als ich sie erinnerte kam nur ein großes Chaos heraus, alle redeten durcheinander. Der eine sagt das, ein anderer sagt das. Aber es waren keine guten Worte, keine Worte des Einvernehmens. Eh, keine Worte des Einvernehmens. Jeder einzelne… redet, aber er redet nicht konstruktiv, sondern nur destruktiv.

Da wurde mir klar, na sowas, die Leute wollen das nicht. Die Leute sagten, „Ah! Mann, wenn ihr sowas anfangen wollt, dann fangt nur an. Ich, Mann, mein Geld, wenn ich Geld bekomme, dann ess´ ich das so wie es kommt, wenn ich nichts bekomme, nun denn. Diese Angelegenheit Geld auf der Bank anzulegen, das ist nicht mein Ding.“

Diese Angelegenheit, ehrlich gesagt, ist in diesem Moment schon gestorben. Sie starb genau an diesem Ort. Bis heute haben wir nicht mehr darüber geredet.

Weil ich gesehen hab´, hier, Mann, sind die Möglichkeiten so etwas zu machen sehr gering. Und das alles kommt daher, weil wir keinen Zusammenhalt haben. Wenn die Leute uns so sehen, können sie sagen, diese Leute dort sind zusammen. Weil wir alle das gleiche Business machen, am gleichen Ort. Wenn uns die Leute sehen, so wie wenn ein Gast zu uns kommen würde und sagt, diese Leute sind zusammen und sie verstehen sich…

AM: #So wie ich, ich dachte das…#

S: #Sie verstehen sich, so wie Du#, sie verstehen sich. Aber hier ist kein Klima in dem wir uns gegenseitig helfen. Also kein Klima in dem wir uns gegenseitig gute Ideen geben. […]
Deswegen, diese Angelegenheit, sie... sie ist dort gestorben. Genau dort. Ich kann das auch nicht noch einmal ansprechen. Das war schon das zweite Mal dass ich so etwas versucht habe.

AM: Das war schon das zweite Mal?

S: Eh, das war schon das zweite Mal. Das erste Mal als ich das ansprach hat kein einziger auch nur ein gutes Wort gesagt.

AM: Aber, die, die da nicht mitmachen wollten, haben sie dir einen Grund genannt?

S: Ah-ah. Ihre Gründe, sie konnten keine Gründe angeben. Weil, ein Mensch zeigt es schon wenn er etwas ablehnt, mit den Worten die er benutzt.

Der eine sagt dir „Ah! Ich, Mann, ich mach da nicht mit. Eh, ich mach da nicht mit. Wenn ich Probleme hab´ dann weiß ich das schon selbst. Wenn ich irgendwas anderes hab´, dann weiß ich das auch selbst. Mein Geld das steck ich in meine eigene Tasche.“

Deswegen, diese Sache, diese Sache mit der Bank, ich kann das nicht nochmal machen.

Aber eine andere Sache, die mir auf dem Herzen liegt, wir verpassen hier… wir verstehen nicht… ich dachte, der größte Teil der Leute dort, wir kommen doch alle aus der gleichen Gegend.

AM: Ich weiß, sogar aus dem gleichen Dorf…

S: Sogar das Dorf ist das gleiche. Also ein bisschen verstehen wir schon, was schief läuft. Weil, es ist kein Geheimnis, wenn jemand mit Leuten zusammen ist, die alle irgendwie unterschiedlich sind, das ist ein bisschen besser. Weil jeder hat seine eigenen Gedanken, deswegen. Du kannst dann, du nimmst dir die einen Gedanken, dann die anderen. Aber die Gedanken hier scheinen die gleichen zu sein wie im Dorf.

AM: Eh? Denkst du das?

S: Eh! Die Gedanken hier, die sehen genauso aus wie die aus dem Dorf, genau die gleichen. Das sind keine Stadt-Gedanken. Sie wissen nicht, ihr Leben, worüber mann nachdenken muss. […]

AM: Aber worin unterscheiden sich die Gedanken vom Dorf und die von der Stadt, was ist der Unterschied?

S: Ah, weißt du... weißt du... weißt du im Dorf, da wohnen die Leute bei ihrem Vater, oder bei ihrer Mutter. […] Selbst wenn du selber nichts anbaust, kannst du bei den Eltern mitessen. Sie essen, du isst, ok? Du isst. Das heißt, die Gedanken reichen nur soweit, nur bis zu dem Moment.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Nach der Feldforschung ist vor der Feldforschung

Nach nur zwei Minuten auf dem rot leuchtenden Ceranfeld sprudelt der Kaffee in der Kaffeekanne. „So schnell kann´s gehen“ denkt sich der Feldforschungsrückkehrer in seiner Konstanzer Altbauküche. Eben noch war Kaffeekochen ein allmorgendliches Projekt, dass es mit einem Kerosinkocher vor der Haustüre zu bewerkstelligen galt. Sieben Monate Tansania, das sind sieben Monate Feldforschung, aber auch sieben Monate Wäsche von Hand waschen, Stromausfall und Hitzeschlag. Eine Abrechnung.

215 Tage im Feld
165 Seiten Feldtagebuch
1066 Minuten Interviews
ca. 3.000 Fotos
ca. 20 Videoaufnahmen
3 Besuche auf Sansibar
9 Besuche im Krankenhaus
3 Packungen Antibiotika
2 Liter Infusion
2 Flaschen Milbenlotion
3 Tuben Kortisonsalbe
2 Rattenfallen
2 Packungen Rattengift
1 verschimmelte Ledertasche
ca. 3.000 Kilometer Fußmarsch
55 neue Freunde
2 Todesfälle
3 Geburten
1 Hochzeit


Zahlen machen Eindruck, das zwitschern die Vöglein von den Dächern. Aber Ethnologie ist keine quantitative Wissenschaft, deshalb habe ich die Aufzählung hier frei erfunden. Glaubst Du nicht? Na egal. Für mich kommt es jetzt auf eine Interpretation dessen an, was ich an „Daten“ aus dem "Feld" mitgebracht habe. Das passt alles irgendwie auf einen USB-Stick, nicht größer als mein Daumennagel. Hat sich der ganze Aufwand also überhaupt gelohnt?

Ich werde es sehen wenn ich mit der Analyse beginne. Interviews wollen transkribiert werden, Feldforschungsnotizen kodiert, sortiert, systematisiert werden. Zentrale Begriffe herausgearbeitet und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Parallel dazu wollen Theorien begriffen, auf ihren Erklärungswert hin untersucht, angewandt oder verworfen werden. Mein Wissen soll signifikante Ausbeulungen erfahren, das hab ich mir vorgenommen. Und der dabei anfallende Gedankensud unter besinnlichem Rühren in die Tastatur meines Laptops gegossen werden.

Zum Schluss nochmal alle zusammen: Gruppenbild mit Gitarre
Zum Schluss dann nochmal alle zusammen:
Gruppenbild mit Gitarre


Sieben Monate Dar, sieben Monate bloggen – soll´s das schon gewesen sein?, wirst Du, lieber Leser dich jetzt fragen. "Vielfältig sind die Wege der Welt ihren Unwillen zur Perfektion auszudrücken!" wirst Du des Nachts in deine Kissen heulen. Da kann ich dir eine Last von der Seele nehmen. Sei beruhigt, denn das war´s noch nicht. Der Rückflug nach Dar ist bereits gebucht. Die Geschichte geht weiter, stay tuned.

Montag, 19. September 2011

Zurück in die Zukunft

Man sieht es H. einfach an, dass er dieser Tage nicht gut drauf ist. Er sieht unausgeschlafen aus und redet nicht viel – das entspricht unter normalen Umständen so gar nicht seinem Naturell. Heute Morgen hat er mich um ein Gespräch unter vier Augen gebeten. Er will mich um meinen Rat bitten in einer wichtigen Angelegenheit. „Tupo pamoja“, sage ich ihm, wir halten zusammen, gerne höre ich mir seine Sorgen an.

„Ich schlafe nicht gut zur Zeit. Ich liege wach und wälze mich von einer Seite zur anderen. Wenn um halb fünf der Muezzin das erste Mal zum Gebet ruft, bin ich vielleicht gerade eingenickt,“ erklärt mir H. seine Verfassung. Eine Sache gehe ihm im Kopf um, und er könne sich einfach kein klares Bild darüber verschaffen, was zu tun sei. „Du weißt, ich habe dich schon vor einigen Wochen um Hilfe gebeten, als ich kein Geld für das Fahrtgeld nach Masasi hatte.“ Damals musste H. seine Frau und seinen fünfjährigen Sohn Y. zurück in sein Dorf in der südlichen Region Masasi schicken. Das wenige Geld, dass er mit den Schuhen auf der Straße verdient, reichte einfach nicht mehr aus, um seiner Familie ein würdiges Leben zu ermöglichen. Ich habe ihm das Geld gegeben, damit er, schweren Herzens, seine Lieben wegschicken konnte. Alleine in der Stadt, so sein Plan, würde er leichter „maendeleo“ machen, einen Fortschritt im Leben. Doch das ist nicht passiert.

Es muss noch etwas anderes geben außer 
<br />
Schuhe, Schuhe, Schuhe: H. hat genug.
<br />
Es muss noch etwas anderes geben außer
Schuhe, Schuhe, Schuhe: H. hat genug


„Ich sehe heute zurück auf viele Jahre in Daressalam, seit ich vom Dorf hierher gekommen bin,“ sagt H. „Aber ich bin einfach kein Stück von der Stelle gekommen.“ Dabei hat er vieles versucht: Als Küchenhilfe in einem Hotel gearbeitet, als Gärtner, hat Klamotten durch die Straßen der Stadt getragen, bis er schließlich am Maskani und im Schuh-Geschäft gelandet ist. Und hier bewegt sich keiner von der Stelle. „Jeden Tag fange ich wieder bei Null an. Ich verdiene genug Geld zum Essen, aber ich kann einfach keinen Schilling für spätere Zeiten auf die Seite legen,“ sagt H. Er will also sein Leben in der Stadt als gescheitert erklären, und zurück in sein Dorf gehen.

Sein neun Quadratmeter großes Zimmer, in dem er, seine Frau, ihre Schwester und sein Sohn in einem Doppelbett unter Wellblech geschlafen haben, aufgeben. „Die Möbel will ich verkaufen, ich brauche Geld, um im Dorf ein neues Leben anzufangen,“ plant H. Cashew-Nüsse seien das große Ding in Masasi, die möchte er mit seiner Frau anbauen, außerdem, wenn er Kapital hat, Kleider von Dorf zu Dorf verkaufen. „Ich blicke in die Zukunft, anders als viele hier am Maskani. Die denken nur an heute,“ sagt H. „Sie sind zufrieden, wenn sie von Tag zu Tag über die Runden kommen.“ Und seine Zukunft, die sieht er in der Rückkehr ins Dorf. Ich kann ihn in seinem Plan nur unterstützen. „Ich bin mir sicher, auf dem Dorf kannst du nicht scheitern, aber hier in der Stadt, kannst du bis ganz nach unten durchrutschen,“ antworte ich ihm. Er weiß, was ich meine. Nicht wenige der Straßenhändler haben Alkohol- und Drogenprobleme, ruinieren sich selbst, werden von ihren Frauen und Kindern verlassen, gehen vor die Hunde.

Neun Quadratmeter Wellblechglück: Seine Frau, sein Sohn, seine Schwägerin
<br />
und H. in ihrem alten Leben in der Stadt.
<br />
Neun Quadratmeter Wellblechglück: Seine Frau, sein Sohn, seine Schwägerin
und H. in ihrem alten Leben in der Stadt.



„Und vor allem will ich nicht, dass mein Sohn später das gleiche Leben führen muss, wie ich.“ Er soll zur Schule gehen, und die kostet Geld. Das Wasser folgt dem Flussbett, sagt man in Tansania. Die Eltern arm, die Kinder arm. In ein armes Leben geboren, das Leben lang geschuftet, und am Ende genauso arm ins Grab gefallen – ein normaler Lebenslauf. „Dann sehe ich dich also nicht wieder, wenn ich nächstes Jahr wieder nach Dar komme?“, frage ich ihn schließlich. Er grinst. „Wenn du nach Masasi zu mir kommst, schlachte ich eine Ziege für dich,“ antwortet er. Wir lachen und besiegeln das Wiedersehen auf dem Land mit Handschlag.

Samstag, 17. September 2011

...

Der Hinterhof am "Maskani": Hier werden morgens die Schuhe gewaschen, geklebt, gebürstet. Die Jungs sagen dazu auch, sie "verhexen" die Schuhe.

Der Hinterhof am "Maskani": Hier werden morgens die Schuhe gewaschen, geklebt und gebürstet. Die Jungs sagen dazu auch, sie "verhexen" die Schuhe.

Montag, 22. August 2011

Die Alten vom Stein

„Bei uns an der Straßenecke vertrauen sich die Leute nicht,“ sagt S. Wir hetzen wie üblich durch den Stadtverkehr, er mit sechs Paar Schuhen in der Hand, ich mit meinem Notizblock. „Ich habe schon einmal versucht, die Leute zu animieren gemeinsame Sache zu machen.“ Ich horche auf. „Ich habe vorgeschlagen, ein gemeinsames Bankkonto zu eröffnen, denn wenn wir unsere geringen Gewinne zusammenlegen würden, könnten wir in ein oder zwei Jahren vielleicht ein besseres Business finden.“

Oft habe ich in Interviews Klagen gehört, dass jeder am Maskani im Grunde auf sich selbst gestellt sei. Wenn es Probleme gebe, jemand in der Familie krank werde, oder wenn das Kapital aufgrund zu geringer Verkäufe immer kleiner würde, könne man auf die Hilfe der anderen kaum hoffen. Mich hat das immer verwundert, weil ich im täglichen Miteinander beobachten kann, wie intensiv kommuniziert und interagiert wird, wie Werkzeuge zur Reparatur geteilt, Informationen ausgetauscht oder einzelne Paare Schuhe hergeliehen werden. Eine stabile Gemeinschaft scheint aber aus dieser täglichen Kooperation nicht gewachsen zu sein – zumindest lassen die Darstellungen meiner Protagonisten dieses Bild entstehen.

Trotz meiner Belege für geteiltes Wissen, das unter den Schuhverkäufern tradiert wird, institutionalisierte Formen der Kooperation, gemeinsame Herkunft und zum Teil verwandtschaftliche Beziehungen unter den einzelnen Verkäufern negieren alle, die ich danach frage, dass es so etwas wie eine „Gruppe“ überhaupt gibt. Folglich waren auch die Bemühungen meines Freundes S., seine Kollegen von den Vorteilen eines gemeinsamen Kontos zu überzeugen, gering. „Der eine oder andere war schon bereit, sich darauf einzulassen, aber die meisten haben gesagt, sie hätten ihre eigenen Sorgen, oder sie seien zufrieden, wenn sie von Tag zu Tag über die Runden kämen.“ Er aber mache sich Sorgen, nicht um sich, sondern um die Zukunft seiner Kinder. Derer hat er zwei – und im September erwarten er und seine Frau ihr drittes. „Sie werden mich eines Tages fragen, wieso ich es nicht geschafft habe, ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Darüber zerbreche ich mir jeden Tag den Kopf.“

Besprechung unterm Baum: Sie Alten vom Stein und ihre "Satzung"
Besprechung unterm Baum: Die Alten vom Stein und ihre „Satzung“

Tage später spricht S. mich an. Er hat nach unserem Gespräch einige seiner Freunde erneut darauf angesprochen, und drei Mitstreiter gefunden, die bereit sind, etwas zu wagen. Nachdem sie eine Bank gefunden haben, bei der ein Gemeinschaftskonto ohne größeren Verwaltungsaufwand eröffnet werden kann, bitten sie mich, sie bei der Formulierung einer „Satzung“ ihrer Gruppe zu beraten. Sie wollen monatlich einen bestimmen Betrag beiseite legen, damit sie nach einiger Zeit, einem Jahr, mit einem Batzen Geld in ein anderen Business investieren können. „Schuhe durch die Straßen tragen, das bringt uns nirgends hin,“ klagt S., „und wenn ich einmal alt bin, will ich das nicht machen müssen.“

Letzten Sonntag haben sie mich besucht, um die Grundsätze ihrer Gruppe zu besprechen. Ein paar einfache Regeln sollten reichen, um späterem Streit vorzubeugen, der in Geldsachen ja doch immer zu erwarten ist. Zu viele unterschiedliche Ideen haben die Vier schon jetzt, mit welchem Geschäft sich Geld verdienen ließe, wenn denn nur das entsprechende Kapital vorhanden wäre. Ich empfehle ihnen, eine Art „Rat“ einzuberufen, in dem alle Entscheidungen das Geld betreffend durch Konsens getroffen werden. Das schreiben wir in die Satzung. Auch soll jeder stets den gleichen Betrag einzahlen, damit später, wenn größere Gewinne eingefahren werden, kein Streit entstehen kann, weil einer von ihnen den einen oder anderen Monat nicht den vollen Betrag beigesteuert hat. Sie danken mir meinen Rat, indem sie mich zum Ehrenmitglied und „director“ berufen. Es fehlt noch ein Name für die Gruppe. „Nyama ngumu“ wird vorgeschlagen, zähes Fleisch, oder „wazee wa kijiweni“, die Alten vom Stein, da man üblicherweise auf irgendwelchen Steinen oder Betonbrocken herumhängt, wenn man auf der Straße ist. Zu fortgeschrittener Stunde vertagen wir die Namensentscheidung auf die erste Ratssitzung, und springen alternativ lieber einmal in den indischen Ozean. Anschließend Fastenbrechen mit Fanta – es ist Ramadan.

Montag, 25. Juli 2011

Die neue Schwägerin

Die beiden haben sich am Maskani kennen gelernt, an unserer „Straßenecke“. Sie hat bei den „Mamantilie“, den kochenden „Mamas“ im Hinterhof gearbeitet, er hat dort seine Schuhe für die Rotation aufpoliert. Sie haben ein Auge aufeinander geworfen und er hat ihr den Hof gemacht. Am Sonntag hat B.M. endlich seine Braut nach Hause geholt.

Der junge Sänger legt eine Leidenschaft in seine glasklare Stimme, die mir die Tränen in die Augen treibt. Ein alter Mann im weißen Kaftan erbebt im Rhythmus der Trommeln. Ich sitze mit den anderen männlichen Hochzeitsgästen auf der Matte des Bräutigams. Gemeinsam mit etwa 30 Freunden und Familienangehörigen sind wir von Mbagala ins entfernte Mbezi gefahren, um die Braut unseres Bruders abzuholen und sie in ihr neues Zuhause zu bringen.

harusi-7
Da möchte man zum Moslem werden:
Schade dass man die Musik auf dem Foto nicht hört


Begonnen hat unsere Reise um 9 Uhr morgens im südlichen Stadtteil Mbagala. Bei gerösteten Süßkartoffeln und gewürztem Tee warten wir vor dem Haus des Bräutigams auf die weiteren Teilnehmer. B.M. ist einer meiner Freunde von der „Straßenecke“, und ich habe seine Einladung, bei seinem Harusi, seiner Hochzeit Teil der Partei des Bräutigams zu sein, als Ehre empfunden und selbstverständlich angenommen. Im Wesentlichen besteht die Hochzeitszeremonie darin, dass wir den Bräutigam begleiten, wenn er im Haus ihrer Eltern seine Braut abholt und sie in sein Heim bringt. Gegen 11 Uhr haben sich alle eingefunden, und es wird beratschlagt, wie wir denn nun ins entlegene Mbezi im Osten Daressalams kommen. Wir beschließen, einen der üblichen Minibusse, Daladala genannt, zu chartern, da wir sonst mit Stau und Umsteigen Gefahr laufen würden, die Zeremonie um viele Stunden zu verzögern. Nach einigem Hin- und Her setzen wir uns schließlich in Bewegung zum Daladala-Stand, wo wir etwa eine Stunde lang mit unterschiedlichen Fahrern verhandeln, bis wir schließlich einen finden, der sich auf unser Angebot einlässt. Der Bräutigam und sein älterer Bruder, als Vertreter seiner Familie, setzen sich mit einem Privatwagen in Bewegung.

Nach zwei Stunden kommen wir im Haus der Braut an. Zum Jubel der Frauen zieht unser Trupp in den Hof ein. Auf Matten haben sich die Verwandten, Freunde und Nachbarn der Braut niedergelassen, um der Zeremonie beizuwohnen, Männer und Frauen getrennt. In einer Ecke des Hofs sitzen an die dreißig Kinder mit Trommeln und Rasseln bewaffnet, in ihrer Mitte ein junger Kerl, der herzzerreisende Lobpreisungen des einzigen und wahren Gottes anstimmt. Ich ziehe meine Schuhe aus und setzte mich, gemeinsam mit den anderen Männern, auf der Matte in die Runde des Bräutigams. Die Braut, indessen, ist nirgends zu sehen.

harusi-3
Warten auf die Braut: B.M. im Kreis seiner Jungs

Die Musik verklingt und der Imam betritt die bemattete Bühne. Durch ein Mikrofon verstärkt erklärt er B.M. und allen Versammelten, dass die Ehe kein Spaziergang im Park ist. Er zählt die üblichen Laster auf, mit denen Ehemänner den Frieden ihres Hauses gefährden: Bars, leichte Mädchen, Glücksspiel. Er rät B.M. vollkommen schlüssig von alledem ab, kommt dann aber relativ rasch zum Ende seiner Belehrungen, da ja, wie er feststellt, das Brautpaar eine weite Heimreise vor sich habe, und der Verkehr in Daressalam dieser Tage eine Plage sei. Er fragt den Bräutigam drei Mal, ob er bereit sei die Verantwortung für seine Frau zu übernehmen. Nachdem B.M. die Ehe annimmt und man gemeinsamen gebetet hat, erheben wir uns und begleitet den Bräutigam unter dem Jubel der Frauen ins Haus der Braut. Wir finden sie unter einem Schleier versteckt auf der Kante ihres Bettes sitzend. Sie blickt zu Boden. Während wir draußen saßen, erfahre ich von meinem Freund H., war der Imam mit dem Bruder des Bräutigams bei der Braut, um ihr ebenfalls drei Mal die Schicksalsfrage zu stellen. B.M. setzt sich neben sie. Unter dem lautstarken Ansporn seiner Freunde nimmt er ihr den Schleier ab, steckt er ihr den Ehering an und küsst sie schüchtern auf die Wange.

harusi-4
Die Ehe kein Ponyhof: Wir lauschen den Worten des Imam

Die junge Frau sieht nicht sehr glücklich aus, aber ich lasse mir versichern, dass das von ihr erwartet wird. Die Hochzeit ist traditionell eine Performance, und sie gibt die Keusche, die Schüchterne. Stolz sitzt B.M. neben seiner hübschen Braut, und er kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ich bin beeindruckt und glücklich, so tief in die privaten Angelegenheiten meiner Freunde mitgenommen zu werden, und Teil dieses wichtigen Moments im Leben von B.M. zu sein. Mit meiner Kamera bewaffnet werde ich bei jedem Schritt der Zeremonie in die erste Reihe gedrängt, um alles festzuhalten. Wir verlassen das Haus und lassen uns wieder auf den Matten nieder, um gemeinsam zu Essen. Ich bin etwas von der allgemeinen Hektik und fehlenden Feierlichkeit überrascht, denn schon nach wenigen Minuten beginnen meine Freunde sich die Hände zu waschen und bewegen sich wieder in Richtung unseres gemieteten Busses.

harusi-8
Da freut sich einer, und eine nicht? B.M. und seine Braut

So bringen wir die traditionsgemäß traurig dreinblickende Braut vom Haus ihrer Eltern in ihr neues Leben an der Seite von B.M. in Mbagala. Zwei Stunden fahren wir wieder quer durch die Stadt. Der ganze Bus in Aufruhr, ein Lied nach dem anderen wird geschmettert, mehr gegrölt als gesungen, zum Klatschen der dreißig Gratulanten. Mein Freund P., den ich von der Straße als schweigsamen und eher zurückhaltenden Mann kenne, unterhält die gesamte Gesellschaft und treibt uns alle an, bis seine eigene Stimme brüchig wird. Als wir wieder in Mbagala ankommen, erfahren wir, dass der Privatwagen, mit dem das Brautpaar gefahren ist, unterwegs von der Polizei konfisziert wurde. Die Steuerplakette war abgelaufen. Der ältere Bruder bittet die Hochzeitsgesellschaft um eine Spende, um das herannahende Taxi für die Brautleute zu bezahlen. Nachdem die Gäste zögern – kaum einer hat auch nur 1000 Schilling in der Tasche – werde ich meiner Rolle als reicher Weißer gerecht und bezahle die 10.000 Schilling.

harusi-6
Wir haben eine neue Schwägerin: Einzug in Mbagala

Als sie uns schließlich erreichen übernimmt wieder P. die Führung der Truppe. Er nimmt seine „shemeji“, seine Schwägerin bei der Hand, und stimmt einen Chor an. „Tumempata, shemeji yetu“, wir haben eine neue Schwägerin. Da man sich in Tansania, unabhängig davon, ob man wirklich miteinander verwandt ist, höflicherweise mit Bruder und Schwester, Onkel oder Tante, Vater oder Mutter anspricht, ist die Ehefrau unseres Bruders B.M. logischerweise unser aller Schwägerin. Wir ziehen durch die Straße und drängen uns in das Zimmer der Bräutigams, wo er sich mit seiner neuen Frau wieder auf der Bettkante niederlässt. Dort bleiben die beiden sitzen, während wir uns wieder nach draußen begeben, um ein weiteres gemeinsames Mahl einzunehmen. Als ich mich nach einiger Zeit verabschieden will, finde ich die beiden immer noch auf dem Bett sitzend. Ich verabschiede mich von B.M. und meiner neuen Schwägerin. Ich wünsche den beiden alles Gute für ihre Ehe.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Das weiße Rauschen?

Zu Beginn meiner Feldforschung in Daressalam war ich mit täglichen Frustrationen konfrontiert. Wenn die Sprachkenntnisse noch nicht genügen, um sich selbstbewusst in die täglichen Kommunikationsflüsse einzuklinken, muss man sich damit abfinden, dass jeder Fünfjährige dem Leben mit mehr Souveränität entgegentritt, als man selbst. An den falschen Stellen gelacht, stotternde Versuche etwas über das eigene Leben zu erzählen, unbeabsichtigt für die Belustigung der gesamten Truppe gesorgt. Sehr witzig. Eine wohl natürliche Folge dieser kulturellen Verunsicherung ist, dass man jeden Tag mit sich selber ringt: Es kostet ein hohes Maß an Überwindung, sich *freiwillig* diesen Situationen auszusetzen.

Aber vermutlich ist das die Essenz der Feldforschungserfahrung. Kurt Beck sagte einmal zu mir, der Ethnologe muss sich mit Haut und Haaren in die fremde Kultur hineinwagen, und dabei auch die eigene Person aufs Spiel setzen. Ich verstehe jetzt, was er gemeint hat. Damit bekommt die Ethnologie eine persönlichkeitserweiternde Wirkung, lässt mich über mich selbst stolpern, legt den Finger in intime Wunden. Nichts ist so einsam, wie die ersten Wochen der Feldforschung, das können sicher viele Kollegen bestätigen. Aus dieser Einsamkeit heraus muss ich zugleich über alle Maßen kommunikativ und sozial sein. Ich muss ständig die Initiative ergreifen und die Leute bitten, mir zu helfen, mit mir zu sprechen, mich zeitweise in ihr Leben mitzunehmen. Manche Beziehungen im „Feld“ müssen jeden Tag erneuert werden, beginnen jeden Tag bei Null. Andere ziehen an mir zu jeder Tages- und Nachtzeit, zerren mich in unterschiedliche Richtungen, fordern mich, Teil ihres Lebens zu werden, Teil ihrer Familie, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren.

wer-studiert-hier-wen
Sich selbst beforschen: Ein Ethnologe und ein „Anderer“
Foto © Link Reuben 2011


Die Menschen in jedem „Feld“ sind Persönlichkeiten, komplex, tief, mit Biografien und Zukunftshoffnungen, Problemen, Ängsten, alten Wunden, Ecken und Kanten. Keiner von ihnen ist ein „Informant“, den ich nur umdrehen und schütteln muss, schon purzeln die „Informationen“ heraus. Je mehr ich mich auf mein Gegenüber einlasse, je mehr gemeinsamen Boden wir unter unseren Füßen spüren, desto detailreicher und tiefer werden die Gespräche, und damit auch meine „Fakten“ (denn die Informationen sind nicht gegeben, also „Daten“, sondern durch mich und mein Gegenüber geschaffen, also „Fakten“).

Aus den komplexen Persönlichkeiten setzt sich ein soziales Gefüge zusammen, das entsprechend vielgestaltig und im ständigen Wandel ist. Es gibt kein Zentrum, alles ist irgendwie Peripherie. Es gibt keinen privilegierten Standpunkt, von dem aus ich einen „Kernbestand“ an Wissen und Kultur herausarbeiten könnte. Die einzelnen Verkäufer treffen sich als Individuen, mit unterschiedlichen Strategien und Vorstellungen davon, wie ein gutes Leben zu bewerkstelligen ist. Gibt es mein „Feld“ also überhaupt? Oder findet es sich nur in meinem Kopf?

Und wie kann ich es „erforschen“, wenn es manchmal tagelang stumm bleibt? Wenn der Zeitdruck, unter dem die Straßenhändler stehen, mit meinem Zeitdruck kollidiert? Wenn an die 30 Straßenhändler um mich herumwuseln: Mit wem muss ich reden? Wer hat eine interessante Geschichte? Wie bekommen ich das heraus, und zwar möglichst schnell? Denn Feldforschung ist ein zeitlich begrenztes Unternehmen (ich weiß nicht, ob das nun das Gute oder das Schlechte daran ist). Wenn ich mit Gedanken an Giddens´ „Theorie der Strukturierung“ im Feld sitze, neben den Jungs, die seit zwei Stunden lauthals über das vorabendliche Spiel der „Champions League“ diskutieren: Wo, bitte, sind die relevanten Informationen? Oder sind sie das schon? Woran erkenne ich sie?

All das muss ich analytisch zum klingen bringen. Mein wichtigstes und einziges Messinstrument bin ich selbst. Meine Person ist der Resonanzkörper, der durch meine Erfahrungen im „Feld“ zum schwingen gebracht wird. Dabei spielt nicht nur die geistige Reflexion eine Rolle. Wenn es so etwas wie kulturellen Sinn gibt, spielen sicher auch meine Sinne eine Rolle. Und sicher auch all der Unsinn, der sich zwischen den zu entschlüsselnden Symbolen versteckt. Und der manchmal in den Vordergrund quillt und meinen Horizont füllt. Das weiße Rauschen der Zeichen, die nicht entschlüsselt werden, weder von mir, noch von den Akteuren. Die vielleicht gar nicht zu deuten sind.

Klassische Ethnologie folgt ja dem Narrativ, der Ethnologe müsse nur lange und intensiv genug den „Eingeborenen“ lauschen, dann würde er zu ihrer Sinndeutung der Welt vordringen. Was aber passiert mit der Ethnologie, wenn die Akteure selbst einen Großteil dessen nicht verstehen, was um sie herum vor sich geht? Oder schlichtweg kein Interesse daran haben? Auch hier muss eine Erkenntnismöglichkeit liegen. So wiegt sich der Ethnologe am Ende des Tages mit dem mäßig tröstenden Gedanken in den Schlaf: Das „Feld“ spricht zu mir, auch wenn es mich auslacht oder stumm bleibt.

Neues von der Strassenecke

Ein Feldforschungstagebuch in Echtzeit.

karibu!

Du bist nicht angemeldet.

piga picha: Random Image

Rotation

Status

Online seit 1463 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 8. Dez, 17:49

Fieldwork
Read
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren