Von Cashews und Elektrohühnern: Perspektiven aus dem Dorf

Mir schwirrt der Kopf. Seit zwei Stunden laufen mein Freund C. und ich von Hütte zu Hütte. In jeder von ihnen wohnt eine Tante was-weiß-ich wievielten Grades, ein Mutterbruder, oder eine „Schwester“ von C. oder einem seiner Verwandten. Wir sind für ein paar Tage in das Dorf Miungo in der Provinz Masasi gefahren, nahe der Grenze zu Mosambik. Fast alle meine Freunde an der Straßenecke in Daressalam wurden hier geboren. Und alle hängen irgendwie miteinander zusammen, in einem großen, für mich undurchschaubaren Verwandtschaftsklumpen.

Ein Schnellkurs in Verwandtschaftsterminologie gefällig? Bitte sehr: Den Bruder der Mutter nennt man Mjomba. Die Schwester des Vaters Shangazi. Den jüngeren Bruder des Vaters nennt man Babamdogo, den „kleinen Vater“, seinen älteren Bruder entsprechend Babamkubwa, den „großen Vater“. Auf mütterlicher Seite genauso: Mamamdogo ist die jüngere, Mamamkubwa die ältere Schwester. Check? Weiter geht’s: Die Kinder von Mjomba und Shangazi heißen Binamu, sie sind zu unterscheiden von den Kindern von allen großen und kleinen Vätern und Müttern, die schlicht Kaka und Dada genannt werden, Bruder und Schwester. In der ethnologischen Terminologie entsprechen Binamus den „Kreuzkusinen“ und „Kreuzcousins“ und Kakas und Dadas den „Parallelkusinen“ und „Parallelcousins“. Verwirrt? Es wird noch besser. Denn Mjomba bezeichnet nicht nur den Bruder der Mutter, sondern auch einen Sohn des Bruders der Großmutter, ebenso ist Shangazi nicht nur die Schwester des Vaters, sondern auch eine Tochter der Schwester des Großvaters. Gleiches gilt für Mamamdogo, Mamamkubwa, Babamdogo, Babamkubwa, sowie Binamus und Brüder und Schwestern.

So. Und wenn wir das für das kleine Dorf Miungo durchrechnen, sind alle irgendwelche großen oder kleinen, mütterlich oder parallel verschwägerte Kreucousinen großväterlicherseits, so in etwa. Zumindest habe ich diesen Eindruck, als C. mit mir der Reihe nach die Hütten abklappert und mich allen vorstellt.

Entwurstelt den Verwandtschaftsklumpen: Bakari Mpeama und seine Frau

Bei meiner Runde durch das Dorf blicke ich in strahlende Gesichter an diesem regnerischen Tag. In vielen erkenne ich die Augen oder ein Lächeln wieder, von einem meiner Freunde am fernen Maskani in Daressalam. „Das ist der Vater von J.“, sagt Chedo. Und: „Das ist meine Mutter“. Natürlich meint er nicht seine leibliche Mutter, das wäre zu einfach, sondern eine „kleine Mutter“, eine von vielen. So ist auch Mzee Mpeama nicht „der“ Großvater von C., sondern „nur einer“ von vielen. Wie dem auch sei. Er freut sich über unseren Besuch. Und erzählt mir über die Geschichte seines Dorfes. Seit 1914 lebten dort Menschen, die aber verstreut siedelten und der politischen Autorität unterschiedlicher Wenye (singular Mwenye, was oft mit „Chief“ oder „Häuptling“ übersetzt wird) unterstellt waren. 1972 wurden sie zusammengelegt, auch auf Drängen der Regierung.

Der verlorene magische Monat

Den „Verwandtschaftsklumpen“ identifiziert er als „Ukoo Kajava“, was ich wiederum als matrilineare Verwandtschaftslineage identifiziere, also eine Verwandtschaftsgruppe, deren Zugehörigkeit über die mütterliche Seite bestimmt wird. Er bedauere, dass ihr Mwenye zur Zeit in einem anderen Dorf weile, sonst könnte ich von ihm viele weitere Geschichten über das Dorf erfahren. Als wir uns für ein gemeinsames Foto schick machen, humpelt er, um sein schönes Hemd zu holen, durch sein Haus. Vor sieben Jahren hatte er einen Unfall, bei dem er sich den linken Oberschenkel ausgekugelt hat. Ärztliche Behandlung hat er keine genossen, ich nehme an, das Gelenk ist immer noch ausgerenkt. Nein, mit Lagerfeuerromantik hat das Leben im Dorf nur wenig gemein.

Nach dem obligatorischen Geknipse heißt er mich noch einmal herzlich willkommen und fragt mich, warum ich denn ausgerechnet jetzt komme, und nicht im Oktober. Der Oktober, das muss der magische Monat sein in Miungo. Denn dann wird die fette Beute der Mikorosho eingefahren, der Cashew-Bäume. Überhaupt scheint „Korosho“, Kiswahili für Cashew, die meist gebrauchte Vokabel hier zu sein. Ihre Cashew-Bäume und deren Früchte sind das zentrale Thema der Dorfbewohner. Sie sind ihre einzige Einnahmequelle. Während Linsen, Kürbisse und Yams zur Selbstversorgung angebaut werden, ist die Cashew-Ernte im Oktober der finanzielle Hoffnungsträger von C.´s Vater, Mzee C., und seinen Verwandten und Nachbarn. Nur beim letzten Mal ist irgendetwas schiefgegangen.

Während in vergangenen Zeiten die Ernte direkt und gegen Bargeld an private Großhändler verkauft wurde, hat vor zwei Jahren die tansanische Regierung das Geschäft in die Hand genommen, mit dem zu erwartenden Erfolg. „Wir warten immer noch auf das Geld vom Oktober letzten Jahres“, sagt Mzee C. Schuld daran ist das neue System: Zum festgelegten Preis von 1.200 Tansanischen Schillingen kaufen staatliche Zwischenhändler die Ernte auf, um sie zu einem von ihnen festgelegten Preis an genau die Großhändler weiter zu verkaufen, an die die Bauern früher eben selbst verkauft haben – in der Theorie. Nur sind diese privatwirtschaftlichen Unternehmer mit diesem Preis eben nicht einverstanden. Dann kaufen sie halt woanders ein. Leidtragende sind die Bewohner von Dörfern wie Miungo in der gesamten Region Masasi. Ihre Ernte sind sie los, aber sie haben noch keinen einzigen Schilling gesehen. Das heißt, sie leben derzeit so gut wie ohne Geldwirtschaft, von den Erträgen ihrer Felder. Mit utopischer Öko-Ideologie hat das aber nichts zu tun.

Elektro-Hühner

Auf unserem Weg durch die Cashew-Pflanzung reißt Mzee C. einen Grashalm aus, schüttelt seine Blätter und zerquetscht die winzigen Samen. „Wenn wir gar nichts mehr haben, stampfen wir diese Samen und machen Porridge daraus. Aber im Moment haben wir noch genug Gips für die nächsten Wochen“. Gips, damit meint er getrocknete Muhogo-Wurzeln, eine Art Yams. Während die Wurzelknollen getrocknet, gestampft und zu Ugali verarbeitet werden, dem für Ostafrika typischen, zäh-klebrigen Brei, verarbeitet man die Blätter der gleichen Pflanze zu einer Art Spinat. „Vater und Mutter“ nennen die Leute hier das Paar scherzhaft, doch sind die beiden für sie rechte Langweiler: Die Mangelernährung hängt ihnen mittlerweile zum Hals heraus. Reis ist ihnen lieber, und natürlich Huhn.

Ein Mann und sein Stolz: Mzee C. und seine Cashew-Baeume
„Aber keine elektrischen Hühner, wie wir in Dar sie essen, sondern richtige, einheimische Hühner,“ sagt C. Mir zu ehren wurde eines der stolzen Tiere geschlachtet, das, anders als die „elektrischen Hühner“ aus der Massenhaltung, seine Nahrung selbst im Hof und im Wald gesucht hat. Ich esse, der Tradition entsprechend, alleine im Haus, während der Rest der Familie auf einer Bodenmatte im Hof Vater und Mutter verkloppt. Es ist nur wenig dran, an dem Vogel, den man mir vorsetzt, aber ich schmecke den Unterschied. Irgendwie erinnert mich dieses analoge Huhn daran, wie Hühnchen in meiner Kindheit geschmeckt hat. Also doch verlorenes Paradies?

Das sieht H. anders. Letztes Jahr hat er seine Zelte in Daressalam abgebrochen, weil er nach vielen Jahren des Rackerns dort einfach keine Zukunft für sich und seine Familie gesehen hat. Ich besuche ihn in Mkululu, einem Nachbardorf, um zu sehen wie es ihnen geht. „Die Sonne hat meinen Mais verbrannt“, klagt er. Als Neuling im Dorf hat er keine Cashew-Bäume, also bleiben ihm nun so gut wie keine Felderträge. Zwei seiner jüngeren Brüder wohnen in dem Haus, in dem seine Mutter lebte, bevor sie vor zwei Jahren starb. „Ich kann dort nicht wohnen“, sagt er mir. „Ich bin ein erwachsener Mann, ich muss doch ein eigenes Haus bauen, und dann meinen jüngeren Geschwistern einen Weg ins Leben zeigen“. Doch wohnt er derzeit im Haus seines Schwagers, am Hof seines Schwiegervaters. „Wenn Du nichts hast, schaust Du nicht nach vorne. Deine Gedanken kreisen nur um deinen Zustand und deine Probleme im Hier und Jetzt“, schildert H. seine geistige Verfassung.

H. hat sich ein schlechtes Jahr für seine Rückkehr ausgesucht. Das fehlende Geld der Cashew-Ernte drückt auch in Mkululu die Stimmung. In der vergangenen Nacht hat man die lokale Ladenbude aufgebrochen und das Mehl und den Zucker geklaut. Die Leute haben Hunger. Aber immerhin konnte H. sich unlängst ein Huhn kaufen. Und das hat mittlerweile drei weibliche Küken ausgebrütet, und zwar keine elektrischen. Ich versuche ihm Hoffnung zu machen und ermutige ihn durchzuhalten. Dabei habe ich leicht reden. Aus der Stadt zurückzukehren ohne Geld in der Tasche, das gilt im Dorf als Scheitern. Nun steht H. auch im Dorf vor dem Nichts. Mir fallen keine passenden Worte ein.

Hassan und seine Schwiegerverwandten - zumindest einige von ihnen
Zurück in Miungo herrscht Aufregung im Haus von Mzee C. Ein Mann, den man vor wenigen Tagen im Dorf beerdigt hat, sei in den Cashew-Pflanzungen gesehen worden. Seine Mutter, sagt man mir, habe ihn verhext, woraufhin er gestorben sei. Er sei Opfer eines Spiels geworden, das Wachawi, also Hexer, gerne untereinander spielen. Dabei müsse jeder der beteiligten Hexer der Reihe nach ein Familienmitglied opfern. Nur anscheinend war der Hexer-Zirkel mit dem Angebot dieser Frau nicht einverstanden. Deswegen finde ihr Sohn keine Ruhe und geistere auf den Feldern der Leute umher.

Stöckchen, Nadel, Faden

Nun könnte ich diese Anekdote verschweigen, und so dem Vorwurf des Exotismus entgehen. Aber warum sollte ich? Meinem Freund C. liegt daran, dass ich das echte Leben in seinem Dorf kennenlerne. So hat er auch keine Scheu, mir von der Medizin zu erzählen, mit der er sich vor dem Neid der Leute im Dorf schützt. Weil C. in der Stadt lebt könnten sie denken, er würde dort viel Geld verdienen. Und neidische Leute, so sagt man, würden einem mit Medizinen und Zauber böses antun. Also muss er sich bei jedem Besuch im Dorf schützen, sein Vater besteht darauf. Er hat einen Tonkrug mit Wasser und verschiedenen Baumrinden angesetzt. Nachts nimmt C. mich zum Waschplatz mit, wo er ein Stück glühende Kohle in der Tinktur versenkt. „Genauso, wie die Kohle durch das Wasser abgekühlt wird, wird auch der Neid der Leute abgekühlt“, erklärt er mir. Er schöpft sich das Wasser über den gesamten Körper.

Stoeckchen, Nadel, Faden: Schaden kanns ja nicht
Dass er nun auch noch mit einem Weißen hier im Dorf auftaucht, könnte den Neid der Leute noch verstärken. Daher bastelt sein Vater einen kleinen Talisman aus einem Holzstückchen, einer Nadel und einem Stück Bindfaden. Solange wir gemeinsam durch das Dorf laufen, behält C. ihn in der Hosentasche. Bei unserer Abreise gibt er ihn seinem Vater zurück. „Ich weiß nicht so recht, ob ich daran glauben soll, oder nicht,“ gesteht C., „aber direkt schaden kann es ja auch nicht, oder?“ Ich muss ihm Recht geben und versuche ihm das in den Sozialwissenschaften diskutierte „Thomas-Theorem“ zu erklären: Wenn Menschen an bestimmte Phänomene glauben, und dementsprechend ihr reales Leben organisieren, so haben diese Phänomene also reale Folgen. Man muss ihnen einen gewissen Grad an Realität zusprechen. Ob meine Kiswahili-Version dieses Theorems so ganz richtig rüberkommt, weiß ich nicht. C. nickt zumindest und schiebt das kleine Bündel wieder in seine Hosentasche.

Als ich, bei C.´s jüngerem Bruder S. auf dem Gepäckträger sitzend, aus dem Dorf geradelt werde, wird dieser ganz schwermütig. „Ich bin das Leben im Dorf müde“, antwortet er auf meine Frage, was ihn bedrückt. „Im Leben muss man doch voran kommen, Arbeiten um Geld zu verdienen. Hier sehe ich keine Zukunft“. Er will zurück nach Dar, wo er fast eineinhalb Jahre bei seinem Bruder gelebt und bei einem Schreiner gelernt hat. Das Problem ist das Geld für den Bus. Wenn es im Haus seines Vaters an 100 Schillingen für etwas Öl zum Kochen mangelt, wo soll S. die 20.000 Schillinge für das Busticket in die Stadt herbekommen? Er bittet mich, ihm zu helfen. Mit gemischten Gefühlen gebe ich ihm das Geld, umgerechnet zehn Euro. Ich habe so viele junge Leute in der Stadt kennengelernt, die täglich um ihre Existenz kämpfen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich ihm wirklich einen Gefallen tue. Doch verstehe ich, dass ihn die Möglichkeiten der Stadt reizen. Denn wie sein Leben auf dem Dorf verlaufen würde, das ist relativ absehbar.

Langsam wirds fad: Matamba ni Chisambura oder auch "Vater und Mutter"
Der Kontrast zwischen dem dörflichen Leben und der Stadt könnte größer nicht sein. In dieser Kluft gedeiht die Imagination der jungen Generation. Und es ist wahr: Daressalam mag das hässliche, stinkende Dreckloch sein, das es ist. Vom Dorf aus betrachtet aber ist es das Tor zur Welt. Ich bin ohne konkrete Forschungsfrage nach Miungo gekommen. Mir ging es darum, ein Gefühl für das dörfliche Leben zu bekommen, das die Weltsicht meiner Freunde am Maskani in Daressalam geprägt hat. Das ganze muss sich erst noch setzen. Aber ich habe das Gefühl, der Jahres-Rhythmus der Cashew-Ernte und die Obsession mit den Feldfrüchten, die engen verwandtschaftlichen Beziehung, Neid, Hexereiglaube und die Enge des Dorfes spiegeln sich in manchen Aspekten des städtischen Miteinanders der Schuhverkäufer wieder.

Neues von der Strassenecke.

Und was sonst so ist.

karibu!

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